| Bild: ZB 1-2020 Titel, (c) Suzanne Eichel
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ZB 1-2020

Rheuma

Aufklären ist das A und O

Eine Rheumaerkrankung muss heute nicht mehr das berufliche Aus bedeuten. Entscheidend sind: die gezielte Entlastung am Arbeitsplatz und eine gute medizinische Betreuung.

ZB 1-2020

Rheuma

Aufklären ist das A und O

Eine Rheumaerkrankung muss nicht das berufliche Aus bedeuten. Gezielte Entlastung am Arbeitsplatz und wirksamere Medikamente ermöglichen es heute Menschen mit Rheuma, langfristig berufstätig zu sein.

| Bild: Porträt von Jana Schmalisch, (c) Suzanne Eichel
Vorbilder: Jana Schmalisch ..., (c) Suzanne Eichel
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Jana Schmalisch ist ein lebenslustiger Mensch, fröhlich und optimistisch. Doch an manchen Tagen wird ihr förmlich der Wind aus den Segeln genommen, es schmerzen sie die Gelenke in Händen und Füßen und der Rücken. Sie weiß, dann ist "Herr Bechti" mal wieder zu Besuch. "Herr Bechti", so hat Jana Schmalisch ihre Krankheit getauft: Morbus Bechterew.

Was ist Rheuma? Morbus Bechterew ist eines von über 400 verschiedenen Krankheitsbildern, die unter dem Sammelbegriff "Rheuma" zusammengefasst werden. Der Name Rheuma kommt aus dem Griechischen und bedeutet "ziehender, reißender Schmerz". In Deutschland leiden 1,5 Millionen Menschen an entzündlich-rheumatischen Erkrankungen – auch schon in jungen Jahren. Von den meisten Krankheitsbildern sind Frauen häufiger betroffen als Männer.

Jana Schmalisch plagen bereits mit 15 Jahren Rücken- und Knieschmerzen, als Jugendliche hat sie das Gefühl, ihre Muskeln seien zu kurz. "Ich bin die Treppen oft nur rückwärts hochgelaufen", erinnert sich die heute 43-Jährige. Doch an Rheuma denkt damals niemand. Im Erwachsenenalter werden die Schmerzen im Rücken schlimmer, schließlich kann sie ihre Füße nicht mehr anheben oder abrollen. Die Ärzte erkennen, dass es Jana Schmalisch doppelt getroffen hat: Neben dem Morbus Bechterew wird bei ihr auch Spondylolisthese diagnostiziert, eine Wirbelsäuleninstabilität, die die Fußheberschwäche verursacht. Jana Schmalisch muss ihren Lebenstraum vom eigenen Restaurant aufgeben.

Rheuma – und dann? "Patienten sind heute durchschnittlich immer noch etwa ein halbes Jahr in Abklärung, bis die Diagnose ‚Rheuma‘ feststeht", so Prof. Dr. Matthias Schneider vom Universitätsklinikum in Düsseldorf. Das kann entscheidend sein, denn wissenschaftliche Studien zeigen: Je frühzeitiger Rheuma diagnostiziert wird, desto besser lässt sich die Krankheit behandeln, wenn auch nicht heilen. "Die Medizin weiß mittlerweile sehr genau über die Entzündungsstoffe Bescheid, die bei Rheuma eine Rolle spielen, und kann diese gezielt blockieren", erklärt der Rheumatologe weiter. Zusammen mit physikalischen Therapien wie Krankengymnastik lindern spezielle Medikamente die Symptome, sodass weitere Gelenkschäden aufgehalten und die Bewegungsfähigkeit verbessert werden können.

Auch Jana Schmalischs Weg mit dem Rheuma geht bergauf, als sie hoch dosiertes Kortison und eine speziell auf ihre Krankheit zugeschnittene Rheumatherapie erhält. Wenngleich sie ein Leben lang mit der chronischen Erkrankung kämpfen muss und die medikamentöse Behandlung auch Nebenwirkungen hat, freut sie sich doch über jede Linderung. Heute arbeitet Jana Schmalisch an der Universität Hamburg als Lehrveranstaltungs- und Prüfungsmanagerin. Ihr Vorgesetzter Manuel Schröder stimmt sich mit seiner Mitarbeiterin eng ab, um Jana Schmalischs Aufgaben bei Bedarf ihrem Gesundheitszustand anzupassen. Mit dieser Flexibilität kann die 43-Jährige in ihrem Beruf voll aufgehen.

| Bild: Porträt von Petra Ammann, (c) Foto: Uli Deck
... Petra Ammann ..., (c) Foto: Uli Deck
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Probleme ansprechen
Ähnlich wie Jana Schmalisch leidet auch Carolin Tödtmann schon früh an Rückenschmerzen. Als Schülerin spielt sie leidenschaftlich Geige, aber nach den Proben streiken zunehmend ihre Fingergelenke und der Rücken schmerzt. Also sattelt Carolin Tödtmann um: eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten statt eines Musikstudiums, dann eine Fortbildung zur Verwaltungsfachwirtin. Doch kurz vor Carolin Tödtmanns 30. Geburtstag werden die Schmerzen in der Wirbelsäule von einem Tag auf den anderen unerträglich. Auch bei ihr lautet die Diagnose: Morbus Bechterew. "Wenn eine entzündlich-rheumatische Erkrankung nicht entdeckt wird, liegt es häufig daran, dass die Patienten noch jung sind und die Entzündungswerte übersehen werden. Denn immer noch gilt Rheuma als eine Erkrankung alter Menschen", sagt Prof. Dr. Matthias Schneider, der sich als Mitinitiator des Rheuma-Preises für mehr Aufklärung einsetzt.

Carolin Tödtmann wendet sich sofort nach der Diagnose an ihren Arbeitgeber Kreis Herford – und die Ehrlichkeit zahlt sich aus: Um ihr die Arbeit im Jobcenter zu ermöglichen, bekommt Carolin Tödtmann Hilfe von der Schwerbehindertenvertrauensperson und der BEM-Beauftragten. Sie unterstützen die erwaltungsfachwirtin beim Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) und können erreichen, dass Carolin Tödtmann unter anderem einen speziellen Morbus-Bechterew-Bürostuhl und die Möglichkeit zur Telearbeit erhält. Die behinderungsgerechte Arbeitsplatzausstattung wird von der Fachstelle für behinderte Menschen im Beruf1 gefördert.

Behinderungsgerechte Arbeitsplatzgestaltung Bei einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung ist grundsätzlich zu prüfen, wie der Arbeitsplatz an die individuellen körperlichen Beeinträchtigungen angepasst werden kann. Hilfestellung leistet hier der Technische Beratungsdienst des  Integrationsamtes. Die Umgestaltung eines Büros kann beispielsweise darin bestehen, ein zusätzliches Stehpult anzuschaffen, das in Ergänzung zu einem ergonomisch geformten Bürostuhl dafür sorgt, dass der erkrankte Arbeitnehmer während der Arbeit in Bewegung bleibt und die Körperhaltung nach seinen Bedürfnissen wechseln kann. Auch ergonomisch geformte Schreibgeräte, die ohne Kraftaufwand benutzt werden, können die Arbeit erleichtern.

Carolin Tödtmann kehrt nach längerer Arbeitsunfähigkeit an ihren behinderungsgerecht gestalteten Arbeitsplatz zurück: "Seitdem bin ich nur noch phasenweise auf Schmerzmittel angewiesen und nicht wieder ins Krankengeld gerutscht", sagt sie glücklich. Die heute 37-Jährige und ihr Arbeitgeber stimmen daher überein: Die Vereinbarung von chronischer Erkrankung und Arbeit ist Carolin Tödtmann so gut gelungen, weil sie von Anfang an sehr offen mit ihrer Erkrankung umgegangen ist und Probleme konstruktiv angesprochen hat.

| Bild: Porträt von Carolin Tödtmann, (c) Oliver Krato
... und Carolin Tödtmann haben den Rheuma-Preis 2019 gewonnen, (c) Oliver Krato
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Individuelle Lösungen
finden Nicht immer müssen sich rheumatische Symptome schon in der Jugendzeit ankündigen. Petra Ammann ist 44 Jahre alt, als das Rheuma sie von einem Tag auf den anderen überrascht: Plötzlich kann sie morgens nicht mehr aufstehen. "Es war ein Albtraum", erinnert sie sich. Doch Petra Ammann hat Glück im Unglück: In der Rheumatologie steht schnell die Diagnose rheumatische Arthritis fest. Typisch für dieses Krankheitsbild sind chronische Entzündungen, die zu einer fortschreitenden Zerstörung der Gelenke führen können. Um diesen Prozess bei Petra Ammann zu stoppen, setzen die Ärzte sofort mit der Behandlung ein. Schon nach wenigen Wochen gehen ihre Beschwerden deutlich zurück.

| Bild: Carolin Tödtmann auf einem Morbus-Bechterew-Bürostuhl, (c) Oliver Krato
Entlasten die Gelenke und vermeiden Fehlhaltungen: ein spezieller Morbus-Bechterew-Bürostuhl ..., (c) Oliver Krato
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Trotzdem: Das Berufsleben hält für Petra Ammann von Anfang an viele Herausforderungen bereit. Zunächst werden ihre Schmerzen als Fibromyalgie diagnostiziert. Petra Ammann arbeitet zu dieser Zeit in der Kantine des Mercedes-Benz-Werks Mannheim und muss krankheitsbedingt häufig ausfallen. Ihr Arbeitgeber bietet ihr daher an, sie im Bereich "Verpackung und Verladung" wiedereinzugliedern. Petra Ammann ergreift die Chance.

| Bild: Ergonomisch geformte Computermaus, (c) Oliver Krato
... eine ergonomisch geformte Computermaus ..., (c) Oliver Krato
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Innerbetriebliche Umsetzung
Wenn Menschen mit Rheuma ihre bisherige berufliche Tätigkeit nicht mehr ausüben können, ist zu überlegen, ob eine innerbetriebliche Umsetzung auf einen anderen Arbeitsplatz infrage kommt. In manchen Fällen kann es auch möglich sein, eine ganz neue Stelle mit geringerer körperlicher Beanspruchung zu schaffen. Als Jahre später dann die Diagnose Rheuma feststeht, erhält Petra Ammann mit weiterer Unterstützung des KVJS-Integrationsamtes und seines Technischen Beratungsdienstes eine Umgestaltung ihres Arbeitsplatzes. Für Petra Ammans Vorgesetzte, Karen Henne, sind solche individuellen Lösungen für ihre Beschäftigten im Krankheitsfall selbstverständlich: "Schließlich sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Basis unseres Erfolgs." Durch die Umgestaltungsmaßnahmen bessern sich Petra Ammanns Beschwerden deutlich. Sie erhöht sogar ihre Arbeitszeit von 22 auf 32 Stunden.

| Bild: Fußstütze, (c) Foto: Oliver Krato
... und eine Fußstütze, (c) Oliver Krato
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Teilzeit
Chronisch kranke Arbeitnehmer können – wie alle anderen auch – bei ihrem Arbeitgeber einen Antrag auf Teilzeit stellen. Hierfür spielt die Erkrankung keine Rolle. Diesen müssen sie offiziell nicht mit ihrer Erkrankung begründen. Ist eine Schwerbehinderung anerkannt, haben sie sogar Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung, soweit die kürzere Arbeitszeit wegen Art und Schwere der Behinderung erforderlich ist. Es sei denn, wichtige betriebliche Gründe sprechen dagegen, zum Beispiel wenn der Arbeitsablauf oder die Sicherheit im Betrieb dadurch wesentlich beeinträchtigt würden.

Rheuma-Preis 2019 Jana Schmalisch, Carolin Tödtmann und Petra Ammann verbindet mehr als nur ihre Rheumaerkrankung. Die drei Frauen sind Preisträgerinnen des Preises 2019. Der von der BIH ideell, aber nicht finanziell unterstützte RheumaPreis würdigt Beschäftigte und Arbeitgeber, die gemeinsam Lösungen für die Vereinbarung von Arbeit und Rheuma gefunden haben. Ihr Beispiel macht Mut!

1 In NRW übernehmen die Fachstellen einen Teil der Aufgaben der Inklusionsämter.


WEITERE INFORMATIONEN

Was ist Rheuma?

Rheuma ist der Oberbegriff für über 400 verschiedene Krankheitsbilder. Der sogenannte rheumatische Formenkreis umfasst vier Hauptgruppen:

Zum Beispiel Knochenverlust (Osteoporose)

Mehr Informationen unter: www.rheumapreis.de, www.rheuma-liga.de, www.bechterew.de und www.dgrh.de

 

WEITERE INFORMATIONEN

Tipps für den Arbeitsplatz

Günstige Bedingungen für Beschäftigte mit Rheuma:

ZB 1-2020

Interview

"Gehen Sie in die Offensive!"

Fragen an Christian Vedder vom KVJS-Integrationsamt in Karlsruhe, der die BIH in der Jury des Rheuma-Preises vertritt.

| Bild: Porträt von Christian Vedder, (c) Foto: Uli Deck
Christian Vedder, (c) Foto: Uli Deck
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Herr Vedder, was hat Sie bei Ihrer Mitarbeit im RheumaPreis bisher am meisten beeindruckt?

Christian Vedder Jedes Mal aufs Neue beeindruckt mich der Mut, sich überhaupt zu bewerben: einer unbekannten Jury die eigene Lebensgeschichte mit der Rheumaerkrankung zu schildern. Dann gehen mir viele Geschichten von Bewerberinnen und Bewerbern durch den Kopf. Alle haben diesen unbedingten Willen, im Job trotz oder gerade wegen der Rheumaerkrankung ihr Ding zu machen.

Doch 20 Prozent der Berufstätigen mit Rheuma geben in den ersten drei Jahren der Erkrankung ihre Berufstätigkeit auf. Woran scheitern sie?

Vedder Die ersten Jahre können für Beschäftigte mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung besonders schwierig sein: Sie müssen lernen, wie sie ihren Alltag – auch ihren beruflichen – mit der Erkrankung bewältigen können, ohne sich zu übernehmen. Das benötigt Zeit. Doch in manchen Unternehmen herrscht nach wie vor ein Arbeitsumfeld, das Beschäftigten mit Rheumaerkrankung diese Zeit nicht gibt. Sowohl Arbeitgeber als auch Kolleginnen und Kollegen reagieren häufig nicht adäquat, weil sie Rheuma immer noch für eine Alte-Leute-Krankheit halten. Sie haben kein Bewusstsein dafür, wie schwer es dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin mit Rheumaerkrankung schon gefallen sein kann, morgens aufzustehen. Deswegen muss Rheuma in den Köpfen der Menschen präsenter werden. Das schafft Verständnis.

Was bedeuten diese Zahlen für die Betriebe?

Vedder Den Betrieben geht wertvolles Know-how verloren, das in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels dringend gebraucht wird. Außerdem hat eine Studie2 aus dem Jahr 2012 gezeigt, dass Deutschland bis zu 20 Milliarden Euro im Jahr zusätzlich hätte erwirtschaften können, wenn chronisch kranke Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei der Bewältigung und Behandlung ihrer Erkrankung besser unterstützt worden wären.

Und wie kann es besser laufen?

Vedder Wie sagt man bei uns im Badischen? "Man muss mitnander babbeln." Deshalb rate ich Beschäftigten mit Rheuma: Gehen Sie offensiv mit Ihrer Erkrankung um! Kommunikation und ein offener Umgang miteinander sollten immer der erste und beste Weg sein. So können Vorbehalte aus der Welt geräumt und Lösungen gefunden werden, von denen alle profitieren: Das Unternehmen kann seine Beschäftigten langfristig halten und umgekehrt verlieren diese ihre berufliche Teilhabe nicht. Mit solchen partnerschaftlich gefundenen Lösungen wird der Verbleib von Menschen mit Rheuma im Berufsleben zur Normalität.

2 Booz & Company/Bertelsmann, 2012

| Bild: Carolin Florin und Heiko Dassow, (c) Frank Hormann/nordlicht
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SBV-Erfahrungsberichte

"Wir müssen gute Kommunikatoren sein"

Carolin Florin aus Mecklenburg-Vorpommern und Heiko Dassow aus Hessen sind seit gut einem Jahr als Vertrauenspersonen aktiv.

ZB 1-2020

SBV-Erfahrungsberichte "Wir müssen gute Kommunikatoren sein"

Im Herbst 2018 wurden neue Schwerbehindertenvertretungen (SBV) gewählt. Heiko Dassow aus Hessen und Carolin Florin aus Mecklenburg-Vorpommern berichten, warum sie sich zur Wahl stellten und wie ihr erstes Jahr als Vertrauensperson verlaufen ist.

Was hat Sie beide motiviert, sich als SBV wählen zu lassen?

Heiko Dassow Meine Schwester hatte einen unverschuldeten schweren Arbeitsunfall und ist seitdem schwerbehindert. Eine Kollegin, die als Vertrauensperson für schwerbehinderte Menschen in einem Unternehmen arbeitet, hat mir mit wichtigen Tipps und Informationen geholfen. Durch diesen Schicksalsschlag wurde mir sehr deutlich vor Augen geführt, wie wichtig eine funktionierende und kompetente SBV sein kann. Aus Gefälligkeit habe ich dann bei der SBVWahl letzten Herbst die Wahlleitung übernommen. In der vorbereitenden Schulung waren die meisten Teilnehmer selbst schwerbehindert und nach anfänglichen Berührungsängsten war ich total beeindruckt von deren positiver Lebenseinstellung. Ich bekam Lust auf das Amt, stellte mich zur Wahl und wurde erster Stellvertreter. Weil die damalige SBV kurz darauf unser Unternehmen verließ, musste ich viel schneller als gewollt nachrücken und selbst das Amt übernehmen. Ein Sprung ins kalte Wasser, den ich aber nicht bereut habe.

POSITIVE EINSTELLUNG

| Bild: Porträt von Carolin Florin, (c) Frank Hormann/nordlicht
Carolin Florin ist Verwaltungsangestellte bei der Gesellschaft für Gesundheit und Pädagogik in Rostock mit insgesamt 650 Beschäftigten. Als SBV vertritt sie die Interessen von 30 schwerbehinderten Menschen. (c) Frank Hormann/nordlicht
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Carolin Florin
Das ist ja ähnlich gelaufen wie bei mir – ich musste auch nach nur drei Monaten als Stellvertreterin das Amt der SBV übernehmen, weil meine Vorgängerin innerhalb des Unternehmens eine andere Stelle angenommen hat und keine Zeit mehr hatte. Meine Motivation, mich zur Wahl zu stellen, hat mit mir und meiner eigenen Krankheit zu tun. Ich bin selbst schwerbehindert und interessiere mich deshalb besonders für das Thema "Behinderung und Beruf".

Wie haben Sie beide sich auf das Ehrenamt vorbereitet? Haben Sie Kurse beim Integrationsamt besucht?

Dassow Nach der ungeplanten Amtsübernahme habe ich sehr schnell den Grund- und auch Aufbaukurs beim LWV Hessen Integrationsamt besucht. Außerdem hatte ich von Anfang an eine sehr gute Unterstützung von anderen SBVen in unserem Konzern.

Florin Ich hatte ebenfalls das Glück, innerhalb kürzester Zeit beim Integrationsamt Mecklenburg-Vorpommern am Grund- sowie am Aufbaukurs teilnehmen zu können. Vor Kurzem habe ich noch den Kurs "Inklusionsvereinbarung" besucht.

NETZWERKE KNÜPFEN

Was haben Ihnen die Kurse für Ihre tägliche Arbeit gebracht?

| Bild: Porträt von Heiko Dassow, (c) Frank Hormann/nordlicht
Heiko Dassow ist Senior Systems Engineer bei T-Systems International am Standort Darmstadt, wo rund 1.000 Menschen arbeiten. Der Vertrauensmann kümmert sich um rund 50 schwerbehinderte Kolleginnen und Kollegen. (c) Frank Hormann/nordlicht
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Dassow
Ich hatte ja vorher keine Ahnung, welche Rechte und Pflichten ich als SBV habe. Die beiden Kurse haben mir vor allem das rechtliche Rüstzeug vermittelt und damit das nötige Selbstbewusstsein gegeben, das man braucht, um Kollegen gut und kompetent beraten zu können – und um Gespräche mit deren Vorgesetzen führen zu können. Außerdem lernt man in den Kursen die Ansprechpartner im Integrationsamt und ihre Arbeitsweise kennen. Das ist absolut gewinnbringend.

Florin Das sehe ich ganz genauso. Man bekommt natürlich in erster Linie wichtiges Fachwissen für die tägliche Arbeit vermittelt. Genauso wichtig fand ich aber den persönlichen und direkten Austausch mit den anderen Schwerbehindertenvertretungen aus den unterschiedlichsten Branchen. Außerdem wurden in beiden Kursen zu verschiedenen Themen externe Experten eingeladen, zum Beispiel ein Jurist zum Thema Arbeitsrecht oder jemand vom Versorgungsamt, der uns erklärte, was man bei der Beantragung eines Schwerbehindertenausweises beachten muss. Vor dem Besuch der Kurse hatte ich Bedenken, ob ich mein Amt auch wirklich ausfüllen kann. Jetzt kann ich viel selbstbewusster auftreten.

FACHLICH GERÜSTET

Mit welchen Anliegen oder Themen haben Sie sich bisher beschäftigen müssen?

Florin Bei uns geht es in erster Linie um die behinderungsgerechte Umgestaltung verschiedener Arbeitsplätze, beispielsweise für Kollegen mit einer Sehoder Hörbehinderung. Auch die Themen Vorruhestand und Renteneintritt spielen immer wieder eine Rolle. Überhaupt besteht ein großer Teil meiner Aufgabe darin, Gespräche zu führen, Probleme zu lösen und in den einzelnen Teams und Abteilungen für Verständnis untereinander zu werben. Eine SBV, die nicht gerne mit anderen ins Gespräch kommt, wird es in diesem Amt schwer haben.

INS GESPRÄCH KOMMEN

Dassow Ich habe das Amt der SBV in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit übernommen. Viele Kollegen wurden mit dem Ziel freigestellt, sich außerhalb des Unternehmens eine neue Stelle zu suchen. Darunter waren auch zehn schwerbehinderte Menschen. Ich war hier vor allem beratend tätig und habe sehr viele Gespräche geführt – mit den Betroffenen selbst und mit einigen Führungskräften, von denen ich wusste, dass sie nach verlässlichen Mitarbeitern in der eigenen Abteilung suchen. So konnte ich ein paar der von Freistellung betroffenen schwerbehinderten Kollegen in andere Bereiche vermitteln und im Unternehmen halten. Ich habe mich und mein Amt im Rahmen einer Betriebsversammlung der ganzen Belegschaft bekannt gemacht. Man muss die Werbetrommel rühren, damit die schwerbehinderten Kollegen überhaupt wissen, dass es eine Vertrauensperson gibt und dass sie Hilfe und Unterstützung finden.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat?

Florin Da ich selbst Betriebsratsmitglied bin, läuft hier alles wirklich sehr gut. Ich werde immer informiert und kann mich auf die Unterstützung der Kollegen aus dem Betriebsrat hundertprozentig verlassen.

Dassow Ich habe im Laufe der Zeit eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit aufgebaut. Das war bei uns nicht immer so. Ich bin sehr gut eingebunden und muss wichtigen Informationen nicht hinterherlaufen. Wenn das persönliche Zusammenspiel mit dem Betriebsrat nicht funktioniert, ist eine SBV chancenlos.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Kursangebot der Integrationsämter

Die Integrationsämter unterstützen mit ihren Kursprogrammen die Arbeit der betrieblichen Integrationsteams.

Mehr unter: www.integrationsaemter.de/kurs-vor-ort

| Bild: Logo der Initiative Einstellung zählt - Arbeitgeber gewinnen
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Initiative

Einstellung zählt – Arbeitgeber gewinnen

Arbeitgeber sensibilisieren und für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen gewinnen – das ist Ziel einer neuen bundesweiten Initiative.

ZB 1-2020

Ziel der Initiative: Arbeitgeber aufklären und informieren

Arbeitgeber sensibilisieren und für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen gewinnen ist das Ziel der Initiative "Einstellung zählt – Arbeitgeber gewinnen". Geben Sie Menschen mit Behinderungen eine Chance, ihre Talente und Potenziale einzubringen!

| Bild: Logos der Initiative und ihrer Initiatoren
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Die Initiative "Einstellung zählt – Arbeitgeber gewinnen" ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), der Bundesagentur für Arbeit (BA), der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH). Sie wird von der Charta der Vielfalt e. V. und dem UnternehmensForum e. V. unterstützt.

Ziel der Initiative Sie soll Arbeitgeber für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen sensibilisieren. Die Initiative richtet sich konkret an die beschäftigungspflichtigen Arbeitgeber, die derzeit noch keine schwerbehinderten Menschen ausbilden oder beschäftigen. Das sind etwa 42.000* der rund 165.000 beschäftigungspflichtigen Unternehmen in Deutschland. Kernanliegen der Initiative ist, Arbeitgeber durch Information und Aufklärung auf die Potenziale schwerbehinderter Menschen aufmerksam zu machen und sie so für deren Beschäftigung zu gewinnen.

Neuen Impuls setzen Anlass für die Initiative, die mit einem gemeinsamen Anschreiben der Initiatoren startete, war die Tatsache, so Bundesminister für Arbeit und Soziales Hubertus Heil, "dass die Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen trotz der insgesamt guten Arbeitsmarktlage immer noch bedeutend höher liegt als die allgemeine Arbeitslosigkeit. Und das, obwohl schwerbehinderte Arbeitsuchende überdurchschnittlich gut qualifiziert sind, wir nahezu Vollbeschäftigung haben und die Wirtschaft händeringend nach Fachkräften sucht. Diesen Widerspruch müssen wir auflösen – aber dazu brauchen wir mehr Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen eine Chance geben. Mit der gemeinsamen Initiative setzen wir dabei einen entscheidenden neuen Impuls." Hinzu kommt, dass ein Drittel der Belegschaften aufgrund der demografischen Entwicklungen in den kommenden zehn Jahren aus dem Arbeitsleben ausscheiden wird. Mit einer Vielzahl regionaler Aktionen konnten 2019 in einer Pilotierung in den sechs Arbeitsagenturbezirken Aachen-Düren, Erfurt, Freiberg, Köln, Neumünster und Reutlingen bereits positive Erfahrungen gesammelt werden.

* Beschäftigungsstatistik schwerbehinderter Menschen des Berichtsjahres 2017 der Bundesagentur für Arbeit (veröffentlicht am 15.04.2019)


WEITERE INFORMATIONEN

ZB SPEZIAL

Die BIH begleitet die Initiative mit einer ZB SPEZIAL, die sich an Arbeitgeber wendet und von Integrations- und Inklusionsämtern ausgezeichnete oder beispielhafte Betriebe vorstellt. Ein guter Mix aus Branchen und Betriebsgrößen soll den Arbeitgebern einen guten Eindruck von den Beschäftigungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für schwerbehinderte Mitarbeiter geben.

| Bild: Eva Strobel (BA) und Christoph Beyer (BIH) bei der Unterzeichnung
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Meißner Erklärung

Gemeinsam für einen inklusiven Arbeitsmarkt

Die BA und die BIH intensivieren ihre Kooperation. Sie haben ein gemeinsames Ziel: die berufliche Inklusion weiter voranzubringen.

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Meißner Erklärung

Gemeinsam für einen inklusiven Arbeitsmarkt

BA und BIH intensivieren ihre Kooperation. Sie haben ein gemeinsames Ziel: die berufliche Inklusion weiter voranzubringen. Wie das gelingen kann, dazu haben sie sich Anfang Dezember 2019 bei einer Fachtagung in Sachsen ausgetauscht.

| Bild: Eva Strobel und Christoph Beyer auf der Fachtagung, (c) Stephan Floss/Dresden
Eva Strobel (Geschäftsführerin Geldleistungen und Rehabilitation der BA) und Christoph Beyer (Vorsitzender der BIH), (c) Stephan Floss/Dresden
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Wie kann die Inklusion in Betrieben und Dienststellen weiter unterstützt werden? Das ist eine zentrale Frage für die Bundesagentur für Arbeit (BA) und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH). Bereits 2017 haben sie dazu in Berlin eine enge Zusammenarbeit vereinbart. Im Dezember 2019 verabredeten sie sich erneut zu einer gemeinsamen Fachtagung im sächsischen Meißen, um zu besprechen, wie und mit welchen Maßnahmen diese Kooperation intensiviert und weiterentwickelt werden kann. Das Interesse war groß: Es kamen rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit und der Integrations- und Inklusionsämter. Sie entwickelten im Plenum und in Kleingruppen gemeinsam Ideen und tauschten sich aus – immer mit dem Ziel, die erreichte Transparenz und den Austausch weiter zu vertiefen, fortzuentwickeln und in einer "Meißner Erklärung" festzuschreiben.

BILANZ UND AUSBLICK

| Bild: Jens Nitschke und Simone Wuschech auf der Fachtagung, (c) Stephan Floss/Dresden
Jens Nitschke (Fachbereichsleiter Rehabilitation, Zentrale der BA) und Simone Wuschech (stellv. Vorsitzende der BIH, Leiterin des Fachausschusses Schwerbehindertenrecht), (c) Stephan Floss/Dresden
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Die Initialreferate von Jens Nitschke (BA) und Simone Wuschech (BIH) setzten entscheidende Impulse für die Diskussion. Sie stellten anhand von Fakten und Daten die Entwicklung der letzten Jahre vor, merkten kritische Punkte an und gaben einen Ausblick auf die aktuell geplanten neuen Leistungen und Initiativen. Beide erklärten ihren Willen zur weiteren Intensivierung der Zusammenarbeit, "um das gemeinsame Ziel der beruflichen Inklusion zu erreichen", wie es Jens Nitschke ausdrückte. Simone Wuschech ergänzte, "dass berufliche Inklusion nur mit funktionierenden ‚Netzwerken‘ erfolgreich unterstützt werden kann".

Durch eine Präsentation zur Auswertung der Ergebnisse einer Befragung der Regionaldirektionen der BA und der Integrationsämter 2019 zum Stand und der Erfahrung zur Zusammenarbeit führten gemeinsam Uta Stitz (BA) und Timo Wissel (BIH). Die Befragungsergebnisse bildeten eine weitere gute Grundlage für die Arbeit in den Arbeitsgruppen. Anhand der Vereinbarung von 2017 und weiteren regionalen Vereinbarungen war die aktuelle Zusammenarbeit zu diskutieren und Potenziale zur Weiterentwicklung wie auch zur regionalen Umsetzung zu identifizieren.

HANDLUNGSFELDER

Mit den folgenden vier Handlungsfeldern befassten sich Arbeitsgruppen und formulierten die allgemeinen und regionalen Anforderungen, um zukünftig noch intensiver zusammenarbeiten zu können.

| Bild: Christoph Beyer und Jens Nitschke auf der Fachtagung, (c) Stephan Floss/Dresden
Christoph Beyer (Vorsitzender der BIH) und Jens Nitschke (Fachbereichsleiter Rehabilitation, Zentrale der BA), (c) Stephan Floss/Dresden
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Übergang Schule – Beruf
Für behinderte junge Menschen ist der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt ein bedeutender und wichtiger Schritt. Damit er gelingt, müssen sie unterstützt werden. Dies ist vor allem die Aufgabe der BA. Aber auch die Integrationsämter tragen ihren Teil mit Angeboten für einen erfolgreichen Übergang bei.
Ein Ergebnis: Mit dem Bundesteilhabegesetz wurden Erfahrungen aus Modellprojekten zur beruflichen Orientierung von Schülerinnen und Schülern aufgegriffen. Das Angehörigenentlastungsgesetz hat mit dem Budget für Ausbildung eine weitere neue Teilhabemöglichkeit geregelt. Die Zusammenarbeit zwischen den Arbeitsagenturen und den Integrationsämtern in diesem Handlungsfeld soll daher verfestigt und gegebenenfalls auch durch neue regionale Kooperationen unterstützt oder ausgebaut werden.

Alle Akteure, das heißt Agenturen für Arbeit, Integrationsämter, schwerbehinderte und behinderte Menschen, ihre Arbeitgeber sowie die Schwerbehindertenvertretungen, sind in diesen Prozess einzubeziehen, so ein Ergebnis der multiperspektivisch zusammengesetzten Arbeitsgruppen.

Beschäftigungssicherung Die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen zu sichern und die Arbeitgeber dabei zu unterstützen, ist Aufgabe der Agenturen für Arbeit wie auch der Integrationsämter. Leistungen sollen möglichst "Hand in Hand" erbracht werden.
Ein Ergebnis: Die Zusammenarbeit zur Beschäftigungssicherung soll vertieft werden, insbesondere auch mit Blick auf das Teilhabeplanverfahren, um die Abstimmung zwischen den beteiligten Akteuren zu erleichtern und zu gewährleisten, dass sie ineinandergreifen.

Unterstützende und begleitende Leistungen bei der Anbahnung und Einmündung in betriebliche Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnisse Die Begleitende Hilfe im Arbeitsleben umfasst alle Leistungen, die erforderlich sind, um schwerbehinderten Menschen die Teilhabe am Arbeitsleben zu sichern. Dies sind neben finanziellen Leistungen an Arbeitgeber und behinderte Menschen sowie fachlicher Beratung auch die notwendige psychosoziale Betreuung schwerbehinderter Menschen.
Ein Ergebnis: Die Arbeitsgruppen haben ergeben, dass gemeinsame Schulungen zu den jeweiligen Leistungsangeboten und ein regelmäßiger Informationsaustausch über neue Leistungen, Produkte und Programme wichtige Voraussetzungen für die praktische Arbeit sind.

| Bild: Timo Wissel und Jana Schleese auf der Fachtagung, (c) Stephan Floss/Dresden
Timo Wissel (LVR-Abteilungsleiter Seminare, Öffentlichkeitsarbeit, Forschungsvorhaben BIH) und Jana Schleese (Fachbereich Rehabilitation, Zentrale der BA) haben die Fachtagung vorbereitet und moderiert, (c) Stephan Floss/Dresden
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Öffentlichkeitsarbeit
Hartnäckige Vorurteile und Unkenntnis herrschen immer noch in vielen Betrieben vor, wenn es um betriebliche Inklusion geht. Häufig ist das Spektrum der Unterstützungsangebote der BA wie auch der Integrationsämter nicht bekannt, sodass immer noch zu oft ein zögerliches Verhalten bei der Einstellung schwerbehinderter Menschen zu beobachten ist.
Ein Ergebnis: Um dem entgegenzuwirken, haben die BA und die BIH die Intensivierung der gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit verabredet. Ein Schwerpunkt wird 2020 das Zusammenwirken bei der Umsetzung der Initiative "Einstellung zählt – Arbeitgeber gewinnen" von BA, BIH, BMAS und BDA sein. Die Initiative richtet sich vor allem an beschäftigungspflichtige Arbeitgeber, die keine schwerbehinderten Menschen beschäftigen.

FAZIT

Ein Ziel der Fachtagung war, möglichst konkrete Vorschläge zu entwickeln. Dies ist gelungen. Es wurden neue Ansatzpunkte identifiziert und auf regionaler Ebene bereits Absprachen getroffen, wie etwa regelmäßiger Informationsaustausch und Schulungen. Die Tagungsteilnehmer haben sich dazu entschlossen, ihre regionalen Vereinbarungen zu aktualisieren und fortzuschreiben.

Zum Abschluss der Tagung betonte Eva Strobel (BA): "Wir müssen weiterhin gemeinsam daran arbeiten, mehr Arbeitgeber für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen zu gewinnen. Hierfür ist die ,Meißner Erklärung‘ eine gute Grundlage, und zwar für alle Ebenen – zentral, regional und lokal." Christoph Beyer (BIH) rief dazu auf: "Diese Fachtagung ist auch ein Signal an uns alle – Regionaldirektionen, Agenturen für Arbeit und Integrationsämter –, die Erklärung zu leben und auszugestalten."

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Zusatzurlaub

Schadensersatz

Leitsätze
Der Arbeitgeber ist gemäß § 241 Abs. 2 BGB verpflichtet, den schwerbehinderten Arbeitnehmer auf dessen Zusatzurlaub gemäß § 125 SGB IX (alte Fassung) hinzuweisen. Kommt der Arbeitgeber seinen Informations- und Hinweispflichten gemäß der Entscheidung des EuGH vom 06.11.2018 nicht nach, hat der Arbeitnehmer nach §§ 280 Abs. 1 und 3, 283 BGB i. V. m. § 249 Abs. 1 BGB einen Schadensersatzanspruch in Form des Ersatzurlaubs, der sich mit Beendigung des Arbeitsverhältnisses nach § 251 Abs. 1 BGB in einen Abgeltungsanspruch umwandelt.

LAG Niedersachsen, Urteil vom 16.01.2019, 2 Sa 567/18

Sachverhalt und Entscheidungsgründe Die schwerbehinderte Klägerin war seit Anfang 2010 bei der H. GmbH, ab 2012 bei der Beklagten beschäftigt. Der Geschäftsführer beider Gesellschaften ist identisch. Die Beklagte beantragte die Zustimmung zur Kündigung beim Integrationsamt wegen Betriebsstilllegung zum 31.03.2018. Nach Zustellung des Zustimmungsbescheids kündigte sie das Arbeitsverhältnis schon zum 31.01.2018. Die Klägerin wendete sich gegen die Kündigung und verlangte unter anderem Urlaubsabgeltung für nicht genommene Urlaubstage einschließlich des Zusatzurlaubs.

Der gegen das abweisende Urteil eingelegten Berufung gab das Landesarbeitsgericht (LAG) teilweise statt. Es führte aus, die Kündigung sei rechtswirksam und von der zustimmenden Entscheidung des Integrationsamts gedeckt. Der Zustimmungsbescheid enthalte weder eine Auflage noch eine Bedingung dahingehend, dass die Kündigung erst zum 31.03.2018 erklärt werden dürfe. Dem Urlaubsabgeltungsanspruch war stattzugeben, da die Beklagte während des bestehenden Arbeitsverhältnisses weder auf den Urlaub noch auf den Zusatzurlaub hingewiesen und die Klägerin nicht aufgefordert habe, den Urlaub zu nehmen. Insoweit besteht eine Nebenpflicht nach § 241 Abs. 2 BGB.

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Arbeitsassistenz

Weiterbildung

Leitsätze
Nach § 116 Abs. 1 und Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 SGB III kann eine berufliche Weiterbildung auch dann gefördert werden, wenn behinderte Menschen nicht arbeitslos sind. (...) Die Übernahme der notwendigen Kosten einer Arbeitsassistenz für die berufliche Weiterbildung für schwerbehinderte Menschen ist ein in § 49 Abs. 3 und Abs. 8 Satz 1 SGB IX nicht näher konkretisierter Fall einer sonstigen Hilfe zur Förderung der Teilnahme am Arbeitsleben i. S. des § 49 Abs. 3 Nr. 7 SGB IX.

LSG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 23.01.2019, L 18 AL 66/17

Sachverhalt und Entscheidungsgründe Die mit einem Grad der Behinderung von 100 schwerbehinderte, blinde Klägerin bildete sich nach dem Abschluss ihres Studiums der Psychologie zur psychologischen Psychotherapeutin weiter. Im Vorfeld hatte sie hierfür beim Integrationsamt die Übernahme der Kosten für eine Arbeitsassistenz beantragt. Mit der Bitte um Kostenübernahme sandte dieses den Antrag an die Beklagte, die Bundesagentur für Arbeit. Mangels bestehenden Arbeitsverhältnisses lehnte die Beklagte die Kostenübernahme ab.

Gegen das diese Entscheidung stützende Urteil des Sozialgerichts legte die Klägerin Berufung ein, der das Landessozialgericht (LSG) stattgab. Es führte aus, die Zuständigkeit ergebe sich unter anderem aus § 112 SGB III. Danach können Leistungen zur Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben für behinderte Menschen erbracht werden, um die Erwerbsfähigkeit zu erhalten, zu verbessern oder wiederherzustellen. Nach Abs. 3 der Vorschrift gilt dies auch dann, wenn die Menschen (noch) nicht arbeitslos sind. Eine berufliche Neuorientierung ist dann behinderungsbedingt, wenn sie dem eingeschränkten Leistungsvermögen des behinderten Menschen besser entspricht und seine Wettbewerbssituation verbessert. Die im Zusammenhang mit der Weiterbildung erforderliche Arbeitsassistenz ist nach der nicht  abschließenden Regelung des § 49 Abs. 3 Nr. 7 und Abs. 8 Satz 1 Nr. 3 SGB IX zu gewähren, weil sie zur Eingliederung in das Erwerbsleben notwendig ist.

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Widerspruchsausschuss

Kündigung

Leitsatz
Die Ermessensausübung des Widerspruchsausschusses des Integrationsamts im Rahmen der Zustimmung zur Kündigung eines schwerbehinderten Arbeitnehmers ist als ermessensfehlerhaft einzuordnen, wenn dieser fälschlicherweise vom Vorliegen einer evident arbeitsrechtlich unzulässigen Kündigung ausgeht.

VG Mainz, Urteil vom 05.04.2019, 1 K 731/18

Sachverhalt und Entscheidungsgründe Die Klägerin, die ihren Sitz in Österreich hat, vertreibt Produkte an Warenhändler. Sie verfügt in Deutschland über keinen Betrieb. Der schwerbehinderte, in Homeoffice tätige Beigeladene arbeitete für sie als Verkaufsleiter. Aufgrund geplanter Umstrukturierungsmaßnahmen, die zum Wegfall des Arbeitsplatzes des Beigeladenen führten, beantragte die Klägerin beim zuständigen Integrationsamt die Zustimmung zu einer betriebsbedingten Kündigung, die erteilt wurde. Der Widerspruchsausschuss hob die Entscheidung mit der Begründung auf, die Klägerin und die H. GmbH betrieben einen gemeinsamen Betrieb. Die Nichtdurchführung einer Sozialauswahl sei deshalb offensichtlich rechtswidrig.

Im stattgebenden Urteil führte das Verwaltungsgericht (VG) aus, eine evidente arbeitsrechtliche Unwirksamkeit der beabsichtigten Kündigung liege nicht vor. Die Frage, ob ein Gemeinschaftsbetrieb vorliege, sei arbeitsrechtlich komplex und einer offensichtlichen Antwort nicht zugänglich. Von einer offensichtlichen Unwirksamkeit sei nur dann auszugehen, wenn sie derart eindeutig sei, dass sie offen zutage treten.


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