| Bild: Beate Zebski am Arbeitsplatz |

Kleinwüchsige Menschen

Im Beruf oft unterschätzt

Kann man von der Körpergröße auf die Leistungsfähigkeit einer Person schließen? Unsere Gesellschaft tut dies. Klein wüchsige Menschen werden daher auch im Arbeitsleben oft unterschätzt. Zu Unrecht, wie die Praxis zeigt.

| Bild: Beate Zebski am Arbeitsplatz |
ZB 2/2010

Kleinwüchsige Menschen

Im Beruf oft unterschätzt

Kann man von der Körpergröße auf die Leistungsfähigkeit einer Person schließen? Unsere Gesellschaft tut dies. Klein wüchsige Menschen werden daher auch im Arbeitsleben oft unterschätzt. Zu Unrecht, wie die Praxis zeigt.


„Ursprünglich wollte ich Medizin studieren“, sagt Silke Schönfleisch-Backofen.Kein ungewöhnlicher Berufswunsch – es sei denn, man ist ungewöhnlich klein. Silke Schönfleisch-Backofen misst gerade mal 114 Zentimeter. Nach dem Abitur erkundigte sich die junge Frau beim zuständigen Ministerium nach der Approbation. „Dort sagte man mir, dass ich die Zulassung für den Arztberuf wegen meiner Behinderung nie erhalten würde. Wenn mir das nicht passe, könne ich sie ja verklagen!“ Daraufhin stand für die heute 38-Jährige fest: „Ich studiere Jura. Und dann
werde ich sie irgendwann mal verklagen ... Dazu kam es aber nie, weil mir mein Beruf jetzt riesig Spaß macht!“ Silke Schönfleisch-Backofen arbeitet seit acht Jahren als Staatsanwältin am Landgericht Frankfurt am Main, zuständig für Wirtschaftsstrafrecht.*

Mit ihrer beruflichen Karriere ist die selbstbewusste Juristin eine Ausnahme. Denn kleinwüchsige Menschen sind seltener in leitenden oder Führungspositionen beschäftigt und üben seltener verantwortungsvolle Aufgaben oder repräsentative Funktionen
aus, wie der Bundesverband kleinwüchsiger Menschen und ihrer Familien
(BKMF) in einer 2002 veröffentlichten Studie herausgefunden hat.

Schnell übersehen und unterschätzt

„In unserer Gesellschaft ist das Vorurteil weit verbreitet, dass in einem kleinen Körper auch ein kleiner Geist steckt“, sagt Jérôme Ries, Geschäftsführer des BKMF. Daher werde Kleinwüchsigen im Beruf oft von vornherein wesentlich weniger zugetraut als normal großen Menschen, obwohl sie im Durchschnitt sogar höhere Schulabschlüsse und berufliche Qualifikationen vorweisen können. Zwar ist die Hälfte der vom BKMF
Befragten in „Büroberufen“ und im päda gogisch-sozialen Bereich tätig,
dennoch gibt es ein weit größeres Berufsspektrum: Menschen mit Kleinwuchs arbeiten als Altenpfleger, Call-center-Agenten, Konditoren, Messtechniker, Ökonomen oder Zollbeamte, um nur einige Beispiele zu nennen. In dieser Bandbreite spiegeln sich auch die enormen Unterschiede wider, was die Schwere der Behinderung angeht: Auf der einen Seite stehen kleinwüchsige Menschen, die vielleicht nur 70 oder 80 Zentimeter groß sind, einen Rollstuhl benötigen und nur über geringe Kraft in den Armen verfügen. Für sie gibt es weitaus weniger  Beschäftigungsmöglichkeiten und sie sind stärker auf  Unterstützung, etwa durch technische Hilfen, angewiesen.

Auf der anderen Seite stehen Betroffene mit einer Größe von 140 bis 150
Zentimetern, normal proportioniertem Körperbau, ohne weitere gesundheitliche Probleme. Sie sind in der Lage, fast jeden Beruf auszuüben. Trotz allem kommt für Kleinwüchsige eine Arbeit, die sehr viel körperlichen Einsatz erfordert, in der Regel nicht in Frage.

Klein sein kostet Kraft

Körperliche Überlastung ist oftmals ein Zeichen dafür, dass der Arbeitsplatz nicht behinderungsgerecht angepasst ist. Viele kleinwüchsige Menschen sind es zudem gewohnt, ihre fehlende Körperlänge durch besondere Kraftanstrengungen zu kompensieren.
Wo beispielsweise eine normal große Person mit einem Handgriff schwere Aktenstapel in ein hohes Regalfach wuchtet, muss sein
kleinwüchsiger Kollege für die gleiche Tätigkeit mehrmals auf eine Leiter
steigen. Solche zusätzlichen körperlichen Belastungen führen auf
Dauer zu schmerzhaften Verschleißerscheinungen mit weiteren Bewegungseinschränkungen. In manchen Fällen sind die Betroffenen gezwungen, ihre Arbeit aufzugeben.

Eine behinderungsgerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes gleicht also nicht nur die geringe Körpergröße aus, sondernsucht nach ergonomischen Lösungen, um die körperlichen Belastungen zu senken und einseitige Bewegungsabläufe zu vermeiden. Einen „Kleinwuchs-Standard“ gibt es dabei nicht. Entscheidend sind die individuellen Bedürfnisse des Betroffenen. Probleme, die bei Kleinwuchs typisch sind, betreffen die Erreichbarkeit in der Höhe, einen verringerten Greifradius, den Umgang mit schweren Lasten und die Bewältigung längerer Wegstrecken.

Ergonomischer Arbeitsplatz

Im Ranking der meist benutzten Hilfsmittel stehen kleinwuchsgerechte
Möbel ganz oben: Spezielle Stühle mit angepassten Fußstützen, kürzeren Sitzflächen und höheren Armlehnen fördern eine ergonomische Sitzposition. Schreibtische, die in der Höhe und Neigung elektrisch verstellbar sind, erlauben einen Wechsel zwischen Sitzen und Stehen, was die Hüften entlastet. Dazu kommen Drehsäulen und Paternostersysteme als Alternativen für hohe Regale, tie-fer gesetzte Bedienelemente an Maschinen und Mobilitätshilfen wie Rollstuhl oder Elektro-Mobil.

Nach wie vor bestehen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt enorme Hemmnisse, kleinwüchsige Menschen einzustellen. Ihre Arbeitslosenquote wird vom BKMF auf 13 Prozent geschätzt. Die Ausbildung wird tendenziell eher in Betrieben absolviert, aber häufig auch in Berufsbildungswerken, so die Erfahrung der Berater vom BKMF. Statistische Zahlen gibt es aber bisher nicht. Auf jeden Fall ist der Übergang von der Ausbildung in den Beruf schwierig, genauso wie von der Arbeitslosigkeit in das Erwerbsleben. Nachdenklich stimmt auch die Feststellung, dass vor einigen Jahren noch zwischen zehn und 20 Prozent der kleinwüchsigen Menschen als erwerbsunfähig eingestuft waren.

Ganz anders sieht es aus für Betroffene, die eine Beschäftigung haben. Sie sind mit ihrer Arbeit im Allgemeinen sehr zufrieden. Die meisten haben sich im Betrieb auch sozial sehr gut integriert. Jérôme Ries fordert deshalb Arbeitgeber auf: „Geben Sie kleinwüchsigen
Menschen eine Chance, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen!

(*Quelle: www.ardmediathek .de (Stichwort-Suche: „Silke Schönfleisch-Backofen“)

 

Mehr Informationen

...beim Bundesverband kleinwüchsiger Menschen und ihre Familien (BKMF) im Internet: www.bkmf-netzwerkberuf.deDort ist auch die in diesem Beitrag erwähnte Studie mit dem Titel „Kleinwüchsige Menschen in Ausbildung und Beruf“ abrufbar.


Zum Thema:

Info-Kasten: Was ist Kleinwuchs

Interview mit der Schauspielerin, ChrisTine Urspruch

Praxisbespiel: Beate Zebski, KVJS-Integrationsamt

 


ZB 2/2010

WAS IST KLEINWUCHS?

Als kleinwüchsig gelten Menschen mit einer Körpergröße zwischen 70 und 150 Zentimetern. In Deutschland leben rund 100.000 Betroffene. Bislang sind 450 verschiedene Kleinwuchsformen bekannt, dazu gehören:

Hormonaler Kleinwuchs ...

… wird verursacht durch einen Mangel an Wachstumshormonen, zumBeispiel Hormone der Hirnanhangdrüse (Hypophyse), der Schilddrüse oder der Nebennierenrinden. Der Körperbau ist harmonisch proportioniert.Betroffene können durch Einnahme von Hormonen eine normale Körpergröße erreichen.

Achondroplasie ...

... ist eine genetisch bedingte Störung der Knorpel- und Knochenbildung. Sie führt zu Auffälligkeiten im Körperbau, zum Beispiel zu verkürzten und gekrümmten Armen und Beinen. Oft verbunden mit einer Streckhemmungder Ellenbogen- und Hüftgelenke.

 

| Bild: Beate Zebski an ihrem Büroarbeitsplatz |
ZB 2/2010

"Ein völlig normales Arbeitsverhältnis"

Beate Zebski arbeitet beim KVJS-Integrationsamt in Stuttgart. Dort fällt sie nicht mehr mit ihrer Körpergröße von 124 Zentimetern auf, sondern mit der souveränen Art, wie sie ihren Berufsalltag meistert.


Jeden Morgen fährt Beate Zebski mit der Straßenbahn in Stuttgart zur Arbeit. Manchmal kommt es vor, dass ihr ein Fahrgast gegenüber sitzt, der sie unentwegt und unverhohlen anstarrt. „Das nervt“, entfährt es der kleinwüchsigen Frau, die ansonsten eher gelassen auf Provokationen reagiert. Beate Zebski ist betroffen von einer Wachstumsstörung, bei der „nur“ Arme und Beine verkürzt sind und die als Achondroplasie bezeichnet wird.

Alltag mit Hindernissen

Für kleinwüchsige Menschen ist der Alltag mit vielen Hindernissen gespickt, etwa am Fahrkartenautomaten. „Wenn ich mit der EC-Karte zahle, muss ich zum Eingeben der Geheimnummer meinen Arm über den Kopf strecken. Für den, der hinter mir steht, ist es ein Leichtes, die Nummer zu erspähen.“ Also wartet sie lieber bis sich die Warteschlange aufgelöst hat. Beate Zebski hat gelernt, sich zu helfen. Die 33-Jährige ist zwar klein, kann ansonsten aber „fast alles machen“. Die Suche nach einer Arbeitsstelle hat sie vor zwei Jahren in die schwäbische Metropole geführt, wo sie zunächst als Krankheitsvertretung beim Südwest-Rundfunk beschäftigt war. Dann bewarb sie sich im Integrationsamt beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) in Stuttgart, wo eine Assistenzstelle im Referat „Beschäftigung“ frei geworden war. Beate Zebski hat eine Ausbildung als Justizangestellte an einem Amtsgericht abgeschlossen. „Für die Einstellung war die fachliche Eignung von Frau Zebski ausschlaggebend“, sagt ihr Chef, Referatsleiter Bernhard Pflaum.

Dank Hilfsmitteln selbstständig

In Beate Zebskis Büro steht ein Schreibtisch, dessen Höhe und Neigungswinkel sich auf Knopfdruck einstellen lassen. Der Stuhl hat im Gegensatz zu handelsüblichen Büro stühlen eine kürzere Sitzfläche und Fußstützen: „Sonst tut mir das Kreuz weh und die Füße schlafen ein.“ Will die Verwaltungsassistentin Unterlagen in den hohen Aktenschränken ablegen oder von dort herausgreifen, schiebt sie eine fahrbare Stehleiter an den Schrank, auf der sie sicher und bequem stehen kann. Bei der behinderungsgerechten Ausstattung ihres Arbeitsplatzes hat Beate Zebski mitgewirkt. Dank dieser Hilfsmittel kann sie ihre Arbeit selbstständig erledigen. Die Hilfe ihrer Kollegen braucht sie höchstens, um ein gekipptes Fenster zu schließen.

Eine Frage der Einstellung

Bernhard Pflaum gibt zu, dass er anfangs unsicher gewesen sei, wie er sich gegenüber der kleinwüchsigen Mitarbeiterin verhalten soll: „Durch den Größenunterschied muss ich beim Gespräch zwangsläufig auf sie herabsehen. Dabei fühlte ich mich etwas unbehaglich.“ Doch weil Beate Zebski selbst unbefangen und souverän mit ihrer Behinderung umgeht, haben sich alle schnell an die neue Situation gewöhnt.


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