| Bild: Titel ZB 2-2018, (c) iStock/Jovanmandic |
ZB 2-2018

Hörbehinderungen

Kommunikationswege bereiten

Hörbehinderte Menschen treffen im Alltag auf viele Barrieren. Förderung, Akzeptanz und technische Hilfen ermöglichen ihnen die Teilhabe in einer "hörenden" Arbeitswelt.

Aus der Praxis

ZB 2-2018

Hörbehinderungen

Kommunikationswege bereiten

Hörbehinderte Menschen begegnen in unserer Informations- und Kommunikationsgesellschaft vielen Barrieren. Förderung, Akzeptanz und neue Technologien eröffnen ihnen aber gute Chancen auf Teilhabe in einer "hörenden Welt" – auch im Arbeitsleben.

| Bild: Arbeitgeber Sven Kölbel mit seinem gehörlosen Mitarbeiter Dietmar Heßler, (c)  Wolfgang Schmidt
|
Man stelle sich vor: Eine Person sitzt in einer Arbeitsbesprechung und kennt weder das Thema noch kann sie von Gestik, Mimik und Lippenbewegungen entschlüsseln, was gesprochen wird. Zurück im Büro wartet eine E-Mail, doch der Inhalt mag sich einfach nicht erschließen. Das sind zwei Extrembeispiele für die Herausforderungen, denen hörbehinderte Menschen begegnen können.

Der Personenkreis So vielfältig wie die möglichen Kommunikationshemmnisse ist auch der Personenkreis der hörbehinderten Menschen in Deutschland: Da sind die laut Deutschem Gehörlosen-Bund (DGB) rund 80.000 Menschen, von denen viele von Geburt an gehörlos sind, also bereits vor dem Spracherwerb betroffen waren. Andere konnten eine Zeit lang hören, haben vielleicht über das Gehör Sprache erlernt und somit auch das damit eng verbundene Lesen und Schreiben. Weiterhin gibt es nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes (DSB) mehr als 1,1 Millionen hochgradig schwerhörige Menschen. Zumeist besteht das von der Norm abweichende Hörvermögen bereits seit der Kindheit und erlaubt nur mittels gut angepasster Hörgeräte das Verstehen von Sprache. Einigen von ihnen gelingt damit der annähernde Ausgleich, während anderen die Hilfsmittel aus verschiedensten Gründen nicht weiterhelfen. Die momentane Entwicklung zeigt, dass immer mehr Kleinkinder mit einem oder zwei Cochlea-Implantaten versorgt werden und somit Sprache über das Hören erlernen.

Chancen in der Arbeitswelt "Gerade in unserer hochtechnisierten Gesellschaft beobachten wir, dass Kommunikation der Dreh- und Angelpunkt in jedem Unternehmen ist", sagt Romy Schwarzbach vom Integrationsamt des Kommunalen Sozialverbands Sachsen, Sprecherin der BIH-Arbeitsgruppe "Hörbehinderungen". Sie weiß auch: "Hörbehinderte Menschen haben prinzipiell Chancen wie alle anderen. Ihnen stehen sehr viele Berufsbilder offen." Damit das so ist, müssen aber einige Voraussetzungen erfüllt sein: Ein informiertes und aufmerksames Umfeld zählen dazu, auch gute Beratung, etwa durch die Integrationsfachdienste, und sehr oft auch individuelle technische sowie personelle Hilfen.

Gehörlos von Geburt an Sie haben völlig andere Voraussetzungen für Kommunikation als hörende Menschen. "Der Höreindruck im Kindesalter – bis etwa sechs Jahre – ist entscheidend für die sprachliche Entwicklung", erklärt Romy Schwarzbach. Wer Sprache über das Gehör nicht wahrnehmen kann, lernt unter erschwerten Bedingungen sprechen
und oft nur sehr schwer lesen und schreiben. Die Gebärdensprache kann die verbale Kommunikation ersetzen, allerdings wird sie oft nicht als Unterrichtsfach gelehrt, sagt die Expertin. "Wenn der Spracherwerb nicht frühzeitig gefördert wird, wirkt sich das später sehr erschwerend aus." Die Gebärdensprache erlaubt eine vollständige Kommunikation, sie unterscheidet sich jedoch grundlegend von der gesprochenen Sprache und der Schriftsprache: "Gebärdensprache ist sehr klar, direkt und kurz. Gesprochene und verschriftlichte Sprache ist dagegen lang, blumig und verschachtelt. Die Gebärdensprache hat eine völlig andere Grammatik als die Lautsprache", sagt Romy Schwarzbach. Von Geburt an gehörlosen oder früh ertaubten Menschen fällt es daher sehr viel schwerer als hörenden Menschen, Texte zu verstehen oder zu schreiben. Daher ist es falsch, aus einer schriftlichen Kommunikation mit von Geburt an gehörlosen Personen negative Rückschlüsse auf ihre Fähigkeiten zu ziehen.

Und dennoch: "Gehörlose Menschen sind sehr selbstbewusst", berichtet Romy Schwarzbach. "Gerade die Jüngeren gehen unkompliziert mit ihrer Taubheit um, nutzen kompensierende Hilfen und erschließen sich alle Berufs- und Studiengänge." Frühe und gute Förderung ist entscheidend für diese Personengruppe, ebenso die Unterstützung durch Gebärdensprachdolmetscher.

Spätertaubung Wer die Laut- und Schriftsprache vor der Ertaubung erlernen konnte, kann auf diese Kommunikationstechniken zurückgreifen. Viele Spätertaubte können sich in gewissem Rahmen verbal verständigen und üben sich im Mundabsehen. "Das birgt aber viele Missverständnisse. Geübte Spätertaubte können ungefähr 30 Prozent der gesprochenen Informationen verstehen", erläutert Romy Schwarzbach. Gerade in der Arbeitswelt ist dies keine geeignete Kommunikationsform. Verlässlicher ist die Verständigung über Schrift. "Das ist ein Vorteil, aber auf Dauer auch isolierend und anstrengend." Wer immer nur liest, kann nicht mal eben Rückfragen stellen, und ist auch schneller erschöpft. "Hier sind feste Abläufe und Regeln wichtig, sowohl für die Betroffenen als auch für ihr Umfeld", sagt Romy Schwarzbach.

Schwerhörigkeit Sie wird medizinisch in geringe, mittel-, hochgradige sowie an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit abgestuft. "Menschen mit einer Hörbehinderung sind sehr gut in ein Arbeitsumfeld integrierbar", weiß Romy Schwarzbach. Voraussetzungen dafür sind beispielsweise gut angepasste Hörgeräte, eine gute Raumakustik und klare Kommunikationsregeln (siehe Infokasten). "Wichtig für gelingende Kommunikation ist gerade bei Alters- und Lärmschwerhörigkeit, dass die Betroffenen ihr eingeschränktes Hörvermögen akzeptieren und lernen, damit umzugehen", sagt Romy Schwarzbach.  Denn klar ist: Selbst mit der besten Technik lässt sich verloren gegangenes Hörvermögen nicht komplett wieder herstellen.

Hilfen "Die Hilfe orientiert sich immer am Einzelfall, am betroffenen Menschen ebenso wie am Unternehmen", sagt Romy Schwarzbach. Das heißt: Relevant sind der individuelle Behinderungsgrad, die konkreten Anforderungen an den Beschäftigten sowie die Akzeptanz der Behinderung im Arbeitsumfeld. Die Integrationsämter mit ihren Fachberatern für Menschen mit Hörbehinderungen, ihren Technischen Beratungsdiensten oder den von ihnen beauftragten Integrationsfachdiensten beraten dann zu individuellen Lösungen für eine gelingende Teilhabe am Arbeitsleben – etwa begleitend beim Prozess der Hörgeräteversorgung, bei der technischen Ausstattung des Arbeitsplatzes oder zum bedarfsgerechten Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern. Zu Fragen der Verständigung zwischen hörbehinderten und hörenden Menschen bieten die Integrationsämter sogenannte Kollegenseminare an, die von hörbehinderten Beschäftigten und ihren Kollegen gemeinsam besucht werden.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Bei der Kommunikation beachten

ZB 2-2018

Kompensierende Hilfen

Hören und Verstehen – aber anders

Neue Technologien eröffnen hörbehinderten Menschen immer bessere Hilfen, die das Verständigen erleichtern. Doch auch die ausgereifteste Technik kann die "klassischen" Kommunikationshelfer nicht ersetzen. Ein Überblick.

| Bild: Gebärdensprachdolmetscherin in Aktion, (c) Tess-Relay-Dienste
Gebärdensprachdolmetscherin eines Bildtelefondienstes, (c) Tess-Relay-Dienste
|
Hörgeräteversorgung
Hörgeräte und ihr Zubehör zählen zu den klassischen medizinischen beziehungsweise technischen Hilfsmitteln. Wichtig ist dabei die Anpassung an den Nutzer. So kann es bis zu einem Jahr dauern, bis ein Hörgerät optimal eingestellt ist – hier sind eine gute Beratung und gegebenenfalls der Test mehrerer Fabrikate erforderlich.

FM-Technik Die sogenannte frequenzmodulierte Funksignaltechnik (FM-Technik) nützt besonders in Gruppengesprächen. Die Besprechungsteilnehmer sprechen dabei in Mikrofone der FM-Anlage, das jeweilige Audiosignal wird direkt an das Hörgerät übertragen.

Elektronische Hörhilfe Cochlea-Implantate (CI) wandeln Schall in elektronische Impulse um, die den Hörnerv im Innenohr ansprechen. Wird die aus einem Implantat im Kopf und einem oberhalb des Ohrs getragenen Abnehmer bestehende Hörhilfe bereits ab dem frühen Kindesalter eingesetzt, so erlangt das Kind einen Höreindruck, der sich zu einer sehr differenzierten Hörfähigkeit weiterentwickeln kann – dann ist sogar der natürliche Lautspracherwerb zum Teil möglich. Entscheidend ist hier also, wann das Implantat eingesetzt wird. Aber auch spätertaubte oder hochgradig schwerhörige Menschen können davon profitieren.

| Bild: Gebärdensprachdolmetscher in Aktion, (c) Tess-Relay-Dienste
Gebärdensprachdolmetscher ermöglichen es hörbehinderten Menschen, mit Hörenden zu telefonieren, (c) Tess-Relay-Dienste
|
Spracherkennungssoftware
Software, die Sprache erkennt und in Schriftform ausgibt, entwickelt sich zwar immer weiter, steht aber für die Arbeitswelt noch nicht in erforderlicher Qualität zur Verfügung. Die Gefahr von Fehlerkennungen und -information wird gegenwärtig noch als zu hoch eingestuft. Ein Forschungsprojekt an der Universität Siegen entwickelt zurzeit einen Avatar (virtuelle Person), der Gebärdensprache in Schrift und umgekehrt übersetzen soll.

Gebärdensprach-/Schriftdolmetscher Die Gebärdensprachdolmetscher sind heute aus der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Ihr Einsatz richtet sich nach dem konkreten Bedarf eines hörbehinderten Beschäftigten. Er reicht von der regelmäßigen Präsenz eines Dolmetschers im Rahmen einer Arbeitsassistenz bis hin zum punktuellen Einsatz, etwa bei Einweisungen an Maschinen oder wichtigen Arbeitsbesprechungen. Für  lautsprachlich orientierte Menschen können überdies Schriftdolmetscher gesprochene Sprache verschriftlichen.

Bildtelefon- und Onlinedienste Über eine Chatverbindung rufen hörbehinderte Menschen einen Schrift- oder Gebärdensprachdolmetscher an. Er stellt eine Telefonverbindung zum gewünschten hörenden Gesprächspartner her und überträgt die Gesprächsinhalte von Schriftsprache in Lautsprache und umgekehrt oder in Gebärden und umgekehrt.

| Bild: Porträt von Claudia Möller, (c) Paul Esser
(c) Paul Esser
|
"In Sitzungen und Besprechungen nutze ich eine FM-Anlage. Diese überträgt die Wortbeiträge der Teilnehmer von einem Mikrofon direkt auf meine beiden Hörgeräte. Ich telefoniere mit Bluetooth, dabei werden Anrufe direkt in die Hörgeräte übertragen. Wenn eine Vertrauensperson oder ein Kollege ein Anliegen hat, schreibt er das vorab per E-Mail, dann kann ich telefonieren. Im persönlichen Gespräch lese ich von den Lippen ab. Dabei nehme ich Gestik und Mimik als Verstärker."

Claudia Möller ist hochgradig schwerhörig und arbeitet bei der AXA Konzern AG in Düsseldorf. Dort engagiert sie sich auch als Gesamt- und Konzernschwerbehindertenvertretung.

ZB 2-2018

Praxisbeispiel

Ein Stück Normalität

Der gehörlose Dietmar Heßler arbeitet seit 25 Jahren in einem Metallbetrieb in Sachsen. Ein Telefondolmetschdienst machte ihn unabhängig von der Hilfe durch Kollegen.

| Bild: Dietmar Heßler und Andreas Keil am Arbeitsplatz, (c) Wolfgang Schmidt
Dietmar Heßler ist CNC-Fachmann, (c) Wolfgang Schmidt
|
Ich würde mich selbst nicht als behindert bezeichnen", betont Dietmar Heßler, der mit drei Jahren ertaubt ist. "Denn ich kann meiner Arbeit nachgehen und meinen Alltag leben, so wie ich es möchte", ergänzt der heute 47-Jährige.

Weiterbildung ist Pflicht Seit 25 Jahren arbeitet er als CNC-Fachmann bei der K-Metall GmbH in Oelsnitz im Vogtland. Vom Computer aus steuert er Laserschneider, Schweißroboter und andere hochmoderne Werkzeugmaschinen. Am Ende der automatisierten Fertigungskette entstehen Roste, Entwässerungssysteme oder Zulieferteile. In seiner Branche ist es überlebenswichtig, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten. Regelmäßige Schulungen sind daher Pflicht – auch für Dietmar Heßler. Da er Gebärdensprachdolmetscher benötigt, um dem Unterricht folgen  zu können, werden die Kosten vom Integrationsamt beim Kommunalen Sozialverband Sachsen übernommen. Inzwischen ist Dietmar Heßler zum CNC-Programmierer aufgestiegen, was auch Firmenchef Sven Kölbel freut: "Wir schätzen seine Aufgeschlossenheit für neue Dinge und seine Bereitschaft sich weiterzubilden."

| Bild: Dietmar Heßler und Andreas Keil in der Werkstatt, (c) Wolfgang Schmidt
(c) Wolfgang Schmidt
|
Hilfe beim Telefonieren
Mit seinen Kollegen im Betrieb kann sich Dietmar Heßler ohne Dolmetscher verständigen. Dabei kommt ihm zugute, dass er sich ein wenig  lautsprachlich äußern kann. Außerdem ist er darin geübt, die Worte seines Gegenübers vom Mund abzusehen. Gibt es dennoch Verständnisschwierigkeiten, werden die Worte aufgeschrieben. Einfache Sätze sind für den gehörlosen Mitarbeiter kein Problem. Mehr Mühe bereitet ihm die Schriftsprache, die er wie viele Gehörlose nicht sicher beherrscht. Für die Kommunikation nach außen war der gehörlose Mitarbeiter lange Zeit auf die Unterstützung seiner Kollegen angewiesen, vor allem beim Telefonieren. Zwar erhielt der Arbeitgeber als Ausgleich einen Lohnkostenzuschuss vom Integrationsamt, doch: "Mir war es unangenehm, immer um Hilfe bitten zu müssen, und für meine Kollegen war es eine Zusatzbelastung", erinnert sich Dietmar Heßler.

| Bild: Dietmar Heßler zeigt auf seinen Bildschirm, (c) Wolfgang Schmidt
|
Die Lösung:
Ferndolmetschen "Dietmar Heßler strebt nach Selbstständigkeit und entwickelt viel Eigeninitiative, wenn es darum geht, Lösungen zu finden", sagt Bernadette Tirschmann, Fachberaterin für hörbehinderte Menschen beim Integrationsfachdienst (IFD) Zwickau. Seine Idee: der Einsatz eines Telefondolmetschdienstes, der es ihm erlaubt, selbstständig mit hörenden  Gesprächspartnern zu telefonieren. Bei der Organisation und dem Antrag auf Förderung beim Integrationsamt half ihm die IFD-Beraterin. Das ist nun drei Jahre her. Inzwischen nutzt Dietmar Heßler den Dienst auch für kurze Besprechungen am Arbeitsplatz: "Auf meinem Computer kann ich jederzeit einen Gebärdensprachdolmetscher zuschalten, der dann das Gespräch simultan übersetzt", erklärt er. Eine solche Erfolgsgeschichte erlebt Bernadette Tirschmann vom IFD nicht jeden Tag: "Die Lohnkostenzuschüsse des Integrationsamtes konnten völlig eingestellt werden", sagt sie. Für Dietmar Heßler ein Stück mehr Normalität und Eigenständigkeit.


URL dieser Seite: http://www.integrationsaemter.de/druckversion/ZB-2-2018/704c10330i9999p62/index.html