ZB 3-2005

Integrationsfachdienste

Im Auftrag Dritter: vorbereiten, vermitteln und begleiten

Das SGB IX hat auch für die Integrationsfachdienste einige wichtige Neuerungen gebracht: ein erweitertes Beratungsangebot, sieben verschiedene Auftraggeber sowie die Übernahme der Strukturverantwortung durch die Integrationsämter.

ZB 3 / 2005

Integrationsfachdienste

Im Auftrag Dritter: vorbereiten, vermitteln und begleiten

Das SGB IX hat auch für die Integrationsfachdienste einige wichtige Neuerungen gebracht: ein erweitertes Beratungsangebot, sieben verschiedene Auftraggeber sowie die Übernahme der Strukturverantwortung durch die Integrationsämter.

„Neuerdings“, berichtet Ute Wurfer – Leiterin des Integrationsfachdienstes in Pforzheim – „werden wir verstärkt direkt aus den Betrieben angesprochen. Ich erinnere mich spontan an einen Fall, wo die Schwerbehindertenvertretung einer Druckerei um Rat fragte.“ Ein geistig behinderter Kollege war aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten im Betrieb zunehmend unter Druck gekommen. Das betriebliche Integrationsteam befürchtete, dass sich die Situation weiter verschlimmern und infolgedessen der Arbeitsplatz in Gefahr geraten könnte. Das Integrationsteam wollte frühzeitig aktiv werden, um nichts zu versäumen. „In einem solchen Fall sind wir der richtige Ansprechpartner“, bestätigt Ute Wurfer, „denn es geht um die Aufgabe, die Besonderheiten und Auswirkungen einer Behinderung mit den Belangen des Betriebes in Einklang zu bringen.“ Im Auftrag des Integrationsamtes kann der Pforzheimer Integrationsfachdienst Betriebe, wie diese Druckerei, heute umfassend informieren und individuell beraten sowie alle in Betracht kommenden Leistungen abklären und den Betrieb bei der Beantragung von Leistungen unterstützen.

Wenn es allerdings um die konkrete Beratung und Betreuung eines behinderten Menschen geht, also um einen konkreten Einzelfall, muss der Integrationsfachdienst zuvor von einem der möglichen Kostenträger beauftragt werden: entweder vom Integrationsamt, von der Agentur für Arbeit oder von einem Rehabilitationsträger. Ist der zuständige Kostenträger noch nicht bekannt, kümmert sich der Integrationsfachdienst selbst darum, ihn zu ermitteln und eine Beauftragung einzuholen. „Häufig ist es jedoch umgekehrt, das heißt, der Auftraggeber kommt auf uns zu“, so Ute Wurfer. Zum Beispiel hat der Pforzheimer Dienst kürzlich einen psychisch kranken Metallwerker betreut, der von der Agentur für Arbeit mit dem Auftrag einer Arbeitsvermittlung überwiesen worden war. Auch Betroffene mit einem Vermittlungsgutschein können sich direkt an den Integrationsfachdienst wenden.

Die Integrationsfachdienste haben sich in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt. Heute halten sie ein professionelles Serviceangebot für Betriebe wie auch für behinderte Menschen bereit.

Ihre Entwicklung
... und was leisten sie?

Mit dem Gesetz zum Abbau der Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen im Oktober 2000 wurden die Integrationsfachdienste in ihrer heute bestehenden Form auf eine rechtliche Grundlage gestellt. Die ehemalige Bundesanstalt für Arbeit erhielt gemeinsam mit den Integrationsämtern den Auftrag, die vorhandenen Psychosozialen und Berufsbegleitenden Dienste zu einem flächendeckenden Netz an Integrationsfachdiensten in Deutschland auszubauen. Die beiden Aufgaben – das heißt, die Sicherung bestehender Arbeitsverhältnisse im Rahmen der berufsbegleitenden Betreuung besonders betroffener schwerbehinderter Menschen einerseits und ihre Vermittlung auf geeignete Arbeitsplätze andererseits – wurden zu einem Dienstleistungsangebot aus einer Hand gebündelt. Mit den Integrationsfachdiensten, die in der Regel bei freien gemeinnützigen Trägern oder Bildungsträgern angesiedelt sind, steht seither eine gemeinsame Anlauf- und Beratungsstelle für Arbeit suchende und beschäftigte schwerbehinderte Menschen und ihre Arbeitgeber zur Verfügung.

Inzwischen gibt es in jedem Arbeitsagentur-Bezirk einen Integrationsfachdienst. Die bundesweit rund 450 Dienste haben im vergangenen Jahr etwa 52.000 schwerbehinderte Menschen im Rahmen der Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben im Auftrag der Integrationsämter vorbereitet und begleitet. In 85 Prozent der Fälle ist es gelungen, die Beschäftigung zu erhalten oder zu stabilisieren. Im gleichen Zeitraum wurden etwa 7.200 Personen in Arbeit vermittelt.

Ihre Aufgaben
... und wer kann sich an sie wenden?


Vergangenes Jahr erhielten die Integrationsfachdienste mit der Novellierung des Sozialgesetzbuches (SGB) IX zusätzliche Aufgaben: Im Bereich der Integration behinderter Jugendlicher können sie jetzt auch die Bundesagentur für Arbeit bei der Berufsberatung und Berufsorientierung in Schulen unterstützen. Darüber hinaus begleiten sie schwerbehinderte und behinderte junge Menschen ins Arbeitsleben. Außerdem sind die Integrationsfachdienste im Auftrag der Integrationsämter sowohl Ansprechpartner für Arbeitgeber, als auch Partner der Handwerks- und der Industrie- und Handelskammern.

Ihre Auftraggeber
... und die Frage nach der Strukturverantwortung der Integrationsämter


Neben den Integrationsämtern können auch die Bundesagentur für Arbeit sowie die Träger der gesetzlichen Renten- und Unfallversicherung, der Sozialen Entschädigung bei Gesundheitsschäden, der Sozialhilfe und der öffentlichen Jugendhilfe die Integrationsfachdienste beauftragen.

„Manchmal müssen wir sehr beharrlich sein, zum Beispiel, wenn ein Rehabilitationsträger zunächst die Zuständigkeit ablehnt. Oder wir müssen uns Zwischenlösungen überlegen, wenn zwar die Beauftragung in Aussicht steht, aber erst in einigen Wochen formal bestätigt wird.“ So die Erfahrung von Ute Wurfer, die seit über 15 Jahren „im Geschäft“ ist. „Hierbei können uns auch die Schwerbehindertenvertretungen unterstützen, zum Beispiel indem sie bestehende Kontakte zu Ansprechpartnern bei den Rehabilitationsträgern nutzen. Wenn man sich persönlich kennt, beispielsweise durch die Zusammenarbeit im Rahmen des Betrieblichen Eingliederungsmanagements, lässt sich vieles einfacher klären.“

Die Integrationsämter beauftragen die Fachdienste einzelfallbezogen mit der psychosozialen Betreuung von schwerbehinderten Beschäftigten und als Ansprechpartner für Arbeitgeber. Die Rehabilitationsträger können die Dienste beispielsweise zur beruflichen Wiedereingliederung nach einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit in Anspruch nehmen. Die Bundesagentur für Arbeit wiederum kann sie für die Berufsorientierung, die Berufsberatung, die Ausbildungs- und die Arbeitsvermittlung von schwerbehinderten Menschen nutzen.

Verantwortlich dafür, dass ein entsprechendes Angebot für alle potenziellen Auftraggeber zur Verfügung steht, sind seit Anfang des Jahres die Integrationsämter. Der Gesetzgeber hat die so genannte Strukturverantwortung für die Integrationsfachdienste von der Bundesagentur für Arbeit auf die Integrationsämter übertragen. Die meisten Integrationsämter stellen über eine Finanzierung beziehungsweise Vorfinanzierung das komplette Beratungsangebot sicher. Zur Refinanzierung wurden mit den Rehabilitationsträgern und der Bundesagentur für Arbeit Kostensätze vereinbart, die bei Nutzung eines Integrationsfachdienstes zu zahlen sind.

Die Strukturverantwortung
... und die Frage nach der Nutzung der Integrationsfachdienste

Die Integrationsämter befinden sich in einer nicht ganz einfachen Situation: Auf der einen Seite haben sie die Verantwortung für die Integrationsfachdienste mit ihrem gesamten Aufgabenspektrum, auf der anderen Seite aber sind sie selbst im Einzelfall nur Auftraggeber im Rahmen der Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben. Die Integrationsämter verstehen sich durch die Übernahme der Strukturverantwortung in gewisser Weise als Dienstleister für die Bundesagentur für Arbeit und die anderen Träger der beruflichen Rehabilitation.

Dieses System kann nur funktionieren, wenn die potenziellen Auftraggeber das vorgehaltene Angebot der Integrationsfachdienste auch tatsächlich nutzen und durch ihre Aufträge eine ausreichende Finanzierung sicherstellen. Aus diesem Grund ist die Akquise von realisierbaren Aufträgen inzwischen eine wichtige Aufgabe der Fachkräfte bei den Integrationsfachdiensten. Gleichzeitig soll verhindert werden, dass eine Unterstützung behinderter Menschen durch den Integrationsfachdienst, die im Einzelfall sinnvoll und notwendig wäre, daran scheitert, dass der zuständige Kostenträger einer Beauftragung nicht zustimmt. Um die Auslastung und Refinanzierung der Integrationsfachdienste zu verbessern, arbeiten die Integrationsämter ihrerseits an einer weiteren Verständigung mit allen potenziellen Auftraggebern.

ZB 3/2005

Der Integrationsfachdienst hat die Aufgabe,

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Der Integrationsfachdienst richtet sich an ...

ZB 3/2005

Der Integrationsfachdienst wird beauftragt von ...

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Kontakt

Ratsuchende – schwerbehinderte Menschen, Arbeitgeber oder das betriebliche Integrationsteam – können sich direkt an den Integrationsfachdienst in ihrer Nähe wenden. Adressen findet man zum Beispiel im Internet unter www.integrationsaemter.de.

In einem ersten Gespräch werden das Anliegen und die Zuständigkeit geklärt. Bei weiterem Betreuungsbedarf kümmert sich der Integrationsfachdienst um die Beauftragung durch den zuständigen Kostenträger.

| Bild: Dr. Dieter Schartmann im Interview |

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Was sagt der Experte dazu?

" Wir sind auf einem guten Weg"

Seit dem 1. Januar 2005 sind die Integrationsämter für das Angebot der Integrationsfachdienste verantwortlich. Ein Gespräch mit Dr. Dieter Schartmann, Vorsitzender des Unterausschusses „Integrationsbegleitung“ bei der BIH.

ZB Alle reden von der neuen Strukturverantwortung – was heißt das?

Dr. Dieter Schartmann: Es bedeutet, dass die Integrationsämter jetzt dafür Sorge tragen, dass ein flächendeckendes Angebot an Integrationsfachdiensten zur Verfügung steht, und zwar eines mit möglichst einheitlicher Struktur und in erforderlicher Qualität. Dazu gehört, dass sie die Fachdienste steuern, zum Beispiel hinsichtlich ihrer personellen Ausstattung, der Qualitätssicherung und der Dokumentation. Kurz gesagt: Wo Integrationsfachdienst drauf steht, soll auch Integrationsfachdienst drin sein! Was die Finanzierung angeht, so leisten die Integrationsämter eine Art Vorfinanzierung. Diese ermöglicht es dem Integrationsfachdienst, sein gesamtes Angebot vorzuhalten. Dafür werden von den Integrationsämtern in diesem Jahr erhebliche Summen zur Verfügung gestellt.

ZB Was können Sie zum Stand der Umsetzung sagen?

Dr. Schartmann: Wir sind auf einem guten Weg. Dies bestätigt eine aktuelle Umfrage der BIH: Die Integrationsfachdienste sind von wenigen Ausnahmen abgesehen für alle ihre Aufgaben und Zielgruppen „gerüstet“. Jetzt kommt es darauf an, dass dieses Angebot von den verschiedenen Leistungsträgern genutzt und entsprechend refinanziert wird. Denn auf Dauer lohnt sich ein Beratungsangebot nur, wenn es nachgefragt wird. Auch hier gilt der Grundsatz: Angebot und Nachfrage regeln den Markt.

ZB Wie wird das Angebot bislang genutzt?

Dr. Schartmann: Im ersten Quartal 2005 wurden die Integrationsfachdienste von Trägern der beruflichen Rehabilitation in rund 1.050 Fällen damit beauftragt, nicht schwerbehinderte Menschen in Arbeit zu vermitteln. Vor allem die Rentenversicherungsträger greifen zunehmend auf die Dienstleistungen der Integrationsfachdienste zurück. Wenngleich das Volumen noch beträchtlich ausgeweitet werden könnte. Beauftragungen mit dem Ziel „Sicherung des Arbeitsverhältnisses“ oder „stufenweise Wiedereingliederung“ sind dagegen immer noch Ausnahmen. Die Rehabilitationsträger haben in vielen Regionen noch nicht die Möglichkeit erkannt, die in der flexiblen Herangehensweise der Integrationsfachdienste für ihre Versicherten liegt. Jede Umschulung oder stationäre Reha-Maßnahme beispielsweise ist teurer als der Versuch, in geeigneten Fällen unmittelbar und betriebsnah zu agieren, um den Arbeitsplatz zu erhalten oder einen neuen zu finden.

ZB Wer ist von dieser Zurückhaltung betroffen? Oder anders gefragt: Wer fällt durch’s Netz?

Dr. Schartmann: Insbesondere für Menschen mit einer seelischen Erkrankung, die weder schwerbehindert noch gleichgestellt sind, ist das ein großes Problem. Wenn Unterstützung benötigt wird, um ein gefährdetes Arbeitsverhältnis zu stabilisieren, kann bei diesen Personen die Beauftragung des Integrationsfachdienstes nur durch einen Rehabilitationsträger erfolgen – nicht durch das Integrationsamt, das nur für anerkannt schwerbehinderte Menschen zuständig ist.

Ein anderes Problemfeld ist die Vorbereitung, Begleitung und Betreuung von behinderten jungen Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf. Hier hat die Bundesagentur für Arbeit als zuständiger Leistungsträger bislang nur in ganz wenigen Fällen einen Integrationsfachdienst beauftragt.

ZB Wie kann die Nutzung durch die anderen Auftraggeber gesteigert werden?

Dr. Schartmann: Zum einen muss das Angebot bekannter werden. Das heißt, wir müssen die konkreten Leistungen der Integrationsfachdienste transparenter machen, für eine hochwertige Qualität sorgen und für das Angebot werben.

ZB Was erwarten Sie von den Integrationsfachdiensten?

Dr. Schartmann: Sie müssen auch selbst aktiv werden und sich um Beauftragungen der zuständigen Leistungsträger bemühen. Das gehört zu ihren Aufgaben. Es ist wichtig, dass sie ihr Angebot bei den potenziellen Auftraggebern – von den Rehabilitationsträgern, Agenturen für Arbeit, über Werkstätten für behinderte Menschen bis hin zu den Sonderschulen – bekannt machen und für die Nutzung werben. Die Integrationsämter werden sie dabei unterstützen, zum Beispiel, indem sie Materialien für die Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung stellen.

ZB Wie sieht Ihre Bilanz aus – mehr als ein halbes Jahr nach Übernahme der Verantwortung für die Integrationsfachdienste?

Dr. Schartmann: Der Wechsel der Strukturverantwortung von der Bundesagentur für Arbeit zu den Integrationsämtern hat aus unserer Sicht gut geklappt, aber er ist noch nicht abgeschlossen. Die Grundpfeiler sind gesetzt, doch es gibt noch an einigen Stellen Klärungsbedarf.

Was wir weiterhin tun können, ist, attraktive Strukturen aufzubauen, zum Beispiel durch eine entsprechende Qualifizierung der Fachkräfte und durch das Sicherstellen einer guten Beratungsqualität, die sowohl den schwerbehinderten Menschen wie auch den potenziellen Auftraggebern nutzt. Auf Dauer ist es jedoch nicht möglich, Kapazitäten an Fachpersonal vorzuhalten, die nicht in Anspruch genommen werden. Deshalb ist es das Ziel der Integrationsämter, mit den Rehabilitationsträgern und der Bundesagentur für Arbeit eine verbindlichere Kooperation zu erreichen, als es in der Startphase gelungen ist.

 

| Bild: Ringo Kroner an seinem neuen Arbeitsplatz |

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Beispiele aus der Praxis

Schwerbehinderte Arbeitslose vermitteln...

Der Auftraggeber: Arbeitsagentur in Pforzheim (Vermittlung), Integrationsamt beim Kommunalverband für Jugend und Soziales in Karlsruhe (arbeitsbegleitende Betreuung)

Die Situation: Als sein Arbeitgeber – eine kleine Metallfirma im nordbadischen Ötisheim – vergangenes Jahr in Konkurs ging, wurde Ringo Kroner arbeitslos. Der gehörlose Metallwerker wandte sich zunächst an die Arbeitsagentur in Pforzheim. Die zuständige Arbeitsvermittlerin konnte jedoch die notwendige Betreuung des Falles mangels Kapazitäten nicht selbst übernehmen. Sie schaltete daher den IFD, den Integrationsfachdienst in Pforzheim ein.

Die Lösung: Dort kümmerte sich Jörg Hönle darum, einen neuen Arbeitsplatz für Ringo Kroner zu finden. Der IFD-Berater hält intensiven Kontakt zu vielen Betrieben in der Region. Aber erst durch eine Stellenausschreibung wurde er auf die Firma Kurt Eberle in Wurmberg aufmerksam – ein mittelständisches Unternehmen, das Präzisionsdrehteile und Baugruppen, zum Beispiel für die Automobilindustrie, fertigt. Zusammen überlegten Jörg Hönle und Ringo Kroner eine geeignete Bewerbungsstrategie. Als die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch eintraf, organisierte der IFD-Berater hierfür eine Gebärdensprachdolmetscherin. Ringo Kroner hatte Glück: Es wurde ein 6-wöchiges Praktikum in der Montage vereinbart. Der 31-Jährige nutzte die Chance: Eine darauf folgende Probebeschäftigung mündete drei Monate später in einen Arbeitsvertrag – wenn auch zunächst nur auf ein Jahr befristet.

Der Fachdienstberater organisierte mit Unterstützung der Gebärdensprachdolmetscherin die Einarbeitung am Arbeitsplatz. Beide waren häufig und regelmäßig vor Ort. Außerdem informierte Jörg Hönle das Arbeitsumfeld – vor allem den direkten Vorgesetzten und die Kolleginnen der Abteilung – über die Auswirkungen und Besonderheiten einer Hörbehinderung und gab Tipps für die Kommunikation sowie für den Umgang miteinander im Arbeitsalltag.

WAS IST NEU?
„Wir sind verstärkt Ansprechpartner für Arbeitgeber. Dabei bieten wir eine individuelle, auf den Betrieb zugeschnittene Beratung mit konkreten Lösungsvorschlägen. Wir bilden auch eine Brücke zwischen den Belangen der Betriebe und den jeweiligen Kostenträgern.“
Jörg Hönle, Integrationsfachdienst beim Badischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation e.V., Pforzheim

 

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Beispiele aus der Praxis

Rehabilitanden bei der Wiedereingliederung unterstützen...

Der Auftraggeber: Integrationsamt beim Kommunalverband für Jugend und Soziales in Karlsruhe (arbeitsbegleitende Betreuung), Landesversicherungsanstalt Baden Württemberg als Rentenversicherungsträger (Kostenträger der Wiedereingliederung)

Die Situation: Im Jahr 2000 hatte Hermann Gerstner, der bei der Colordruck GmbH in Pforzheim als Endlos-Drucker angestellt war, einen zweiten Arbeitsunfall. Die Folge: ein schmerzhaftes Wirbelsäulenleiden und massive Angst vor Maschinen. Beides verschlimmerte sich im Laufe der Zeit erheblich. Aufgrund der vielen Fehlzeiten war Hermann Gerstners Arbeitsplatz stark gefährdet.

Die Lösung: Im April 2005 kam der 48-Jährige zur Behandlung in die Reha-Klinik in Bad Dürkheim. Sechs Wochen später wurde Hermann Gerstner mit der Empfehlung an den Rehabilitationsträger entlassen, eine stufenweise Wiedereingliederung durchzuführen. Die Reha-Klinik schaltete den Integrationsfachdienst in Pforzheim ein. Es zeichnete sich bereits ab, dass eine Umsetzung notwendig war.

Marcus Petzold vom Integrationsfachdienst in Pforzheim unterstützte den Arbeitgeber bei der Suche nach einer neuen Tätigkeit für Hermann Gerstner. Schließlich fand sich im Betrieb ein Arbeitsplatz im Bereich Einkauf und Disposition. Der Fachdienstberater sorgte dafür, dass die Einarbeitung mit einer Weiterbildung in einem Berufsförderungswerk unterstützend begleitet wird. Außerdem hält er regelmäßig Kontakt zu seinem Klienten, dem Arbeitgeber, der Reha-Klinik, dem Rentenversicherungsträger und dem Berufsförderungswerk, um den Eingliederungsprozess zu koordinieren, die Abstimmung zwischen den Beteiligten zu erleichtern und bei Problemen frühzeitig eingreifen zu können.

WAS IST NEU?
„Viele wissen nicht, dass wir auch für behinderte Menschen ohne Schwerbehindertenausweis aktiv werden können, zum Beispiel für Rehabilitanden oder für seelisch behinderte Menschen. Voraussetzung ist, dass uns ein Rehabilitationsträger beauftragt und die Kosten übernimmt.“
Marcus Petzold, Integrationsfachdienst beim Badischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation e.V., Pforzheim

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Beispiele aus der Praxis

Schwerbehinderte Beschäftigte betreuen...

Der Auftraggeber: Integrationsamt beim Sächsischen Landesamt für Familie und Soziales in Chemnitz

Die Situation: Seit seiner Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker – vor fast 15 Jahren – arbeitet Ronny Junghans als Außenrundschleifer bei MAN Roland Druckmaschinen AG im sächsischen Werk Plamag-Plauen. Aufgrund einer psychischen Erkrankung wurde er Anfang 2001 arbeitsunfähig. Nach langer krankheitsbedingter Abwesenheit und zwei fehlgeschlagenen Versuchen einer stufenweisen Wiedereingliederung am Arbeitsplatz, beantragte der Arbeitgeber im Juli 2003 beim Integrationsamt die Kündigung.

Die Lösung: Bereits im Jahr davor hatte der Sozialdienst der Tagesklinik, in der Ronny Junghans behandelt wurde, den Integrationsfachdienst in Plauen eingeschaltet. Um die Kündigung abzuwenden, versuchte die IFD-Beraterin Ulrike Chille in zahlreichen Gesprächen mit den Beteiligten eine Lösung zu finden. Als im Herbst 2003 die behandelnde Fachärztin von Ronny Junghans bestätigte, dass die medikamentöse Behandlung zu einer deutlichen Besserung seines Gesundheitszustandes geführt habe, konnte er seine Arbeit an der Schleifmaschine wieder aufnehmen.

Besonders in den ersten Monaten wurde er von Ulrike Chille intensiv betreut. Sie besprachen zum Beispiel, wie er den selbst erzeugten Leistungsdruck abbauen kann. Zusätzlich erreichte sie, dass die Normvorgaben für ihren Klienten abgesetzt wurden, um krankmachenden Stress zu vermeiden. Die Kollegen und Vorgesetzten haben durch die Aufklärungsarbeit der Beraterin gelernt, Krankheitssignale bei Ronny Junghans frühzeitig wahrzunehmen und hilfreich zu reagieren. Der 33-Jährige hat es geschafft: In den vergangenen zwei Jahren war er nicht einmal erkrankt. Inzwischen zählt er wieder zu den Leistungsträgern seiner Abteilung. Der Arbeitgeber hat den Antrag auf Zustimmung zur Kündigung kurz nach seiner Rückkehr zurückgezogen.

WAS IST NEU?
„Wir sehen uns im Krisenfall noch mehr als früher in der Rolle des Vermittlers oder Moderators zwischen allen Beteiligten. Unser Ziel: Verständnis füreinander und Verständigung untereinander ermöglichen, um gemeinsam Lösungen zu finden.
Ulrike Chille, Integrationsfachdienst bei der Fortbildungsakademie der Wirtschaft gGmbH, Plauen

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Beispiele aus der Praxis

Werkstatt-Mitarbeiter auf den ersten Arbeitsmarkt begleiten...

Der Auftraggeber: Integrationsamt beim Landschaftsverband Rheinland in Köln.

Die Situation: Petra Daniels studierte Psychologie, als sie vor ungefähr acht Jahren an einer Psychose erkrankte. So kam die heute 39-Jährige zu pro viel gGmbH, einer Werkstatt für psychisch behinderte Menschen in Wuppertal. Doch dort fühlte sich die ausgebildete Fremdsprachensekretärin schon bald intellektuell unterfordert.

Die Lösung: Die Werkstatt vermittelte verschiedene externe Praktika und schaltete den Integrationsfachdienst in Wuppertal ein. Durch Zufall fand Petra Daniels im Januar 2003 selbst einen Praktikumsplatz bei KulturatA, einem anthroposophischen Laden in der Wuppertaler Innenstadt. Su Offer vom Integrationsfachdienst bereitete den Arbeitgeber auf seine neue Mitarbeiterin vor, indem sie ihm erklärte, wie sich deren psychische Erkrankung auswirkt, zum Beispiel, was bei ihr Stress erzeugt, aber auch, welche Arbeitsbedingungen förderlich sind, um ihre Psyche zu stabilisieren. Zum Beispiel ein regelmäßiges Feedback zu ihrer Arbeit oder Arbeitsphasen, in denen sie sich zurückziehen kann. Eine einfache Anpassung der Arbeitsorganisation reichte bereits aus, um die Arbeitsbedingungen für Petra Daniels optimal zu gestalten.

Daneben führte Su Offer mit ihrer Klientin regelmäßig Gespräche. Im Mittelpunkt stand die übersteigerte Angst von Petra Daniels, den vermeintlichen Leistungsanforderungen nicht zu genügen. Hier war es wichtig, neue, entlastende Verhaltens- und Denkweisen einzuüben. Die vielfältige Arbeit bei KulturatA macht Petra Daniels sichtlich Spaß: der Verkauf im Laden genauso wie die Betreuung des Online-Shops und auch das eigenhändige Montieren einiger Formobjekte, die im Laden angeboten werden. Nach einer 5-monatigen Probebeschäftigung erhielt sie im Februar 2004 die Festanstellung.

WAS IST NEU?
„Wir unterstützen mehr Beschäftigte von Werkstätten für behinderte Menschen, die den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wagen. Dies beginnt mit der Vorbereitung in der Werkstatt und reicht bis zur Einarbeitung und psychosozialen Betreuung am neuen Arbeitsplatz.“
Su Offer, Integrationsfachdienst beim Sozialpsychiatrischen Zentrum gGmbH, Wuppertal

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Beispiele aus der Praxis

Behinderte Schulabgänger auf dem Weg in den Beruf betreuen ...

Der Auftraggeber: Agentur für Arbeit in Sankt Augustin (Arbeitsvermittlung), Integrationsamt beim Landschaftsverband Rheinland in Köln (arbeitsbegleitende Betreuung seit Festanstellung)

Die Situation: Andreas Hardt fand nach der Schule zunächst keinen Einstieg in das Berufsleben und war lange Zeit arbeitslos. Seine Konzentrations- und seelische Belastungsfähigkeit ist eingeschränkt, was ihn im Umgang mit den Anforderungen in Schule und Arbeitsleben beeinträchtigt.

Die Lösung: Im März 2003 wandte sich der schwerbehinderte junge Mann an den Integrationsfachdienst in Sankt Augustin. Er wollte gerne arbeiten. Verschiedene Möglichkeiten wurden abgeklärt. Marie Hartung, Mitarbeiterin des Integrationsfachdienstes, nahm dann Kontakt mit dem Pächter der Aral- Tankstelle in Sankt Augustin auf. Sie informierte ihn über die verschiedenen Formen der Unterstützung zur Beschäftigung behinderter Menschen. Es gelang, ein Praktikum für Andreas Hardt zu ermöglichen. Die Fachdienstmitarbeiterin begleitete ihn dabei: zum Beispiel, indem sie mit ihm regelmäßig schwierige Arbeitssituationen besprach und dem jungen Mann sowie seinem Arbeitgeber vermittelnd zur Seite stand. So konnte Andreas Hardt immer mehr Sicherheit gewinnen und Arbeitstugenden wie Selbstständigkeit und Zuverlässigkeit ausbauen.

Weil das Praktikum gut verlief, schlug sie im Anschluss daran einen einjährigen Förderlehrgang zum Tankstellenhelfer vor. Dabei lernte der 22-Jährige unter anderem, den Ölstand zu prüfen, die Tankanlage zu säubern und sogar die Kasse zu bedienen. Und weil sich Andreas Hardt immer mehr zutraute, fiel ihm auch das Lernen leichter. Die Mühe hat sich gelohnt: Am 1. Oktober 2004 erhielt Andreas Hardt seinen ersten Arbeitsvertrag.

WAS IST NEU?
„Wir begleiten auch schwerbehinderte Schulabgänger oder behinderte junge Menschen, die für die Zeit einer Berufsausbildung schwerbehinderten Menschen gleichgestellt sind, auf ihrem Weg ins Berufsleben. Es handelt sich vor allem um seelisch behinderte oder lernbehinderte Jugendliche. Neuerdings kann uns die Agentur für Arbeit auch für die Berufsorientierung und Berufsberatung in den Schulen beauftragen.“
Marie Hartung, Integrationsfachdienst Bonn/Rhein-Sieg bei Insel e.V., Sankt Augustin


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