| Bild: Titel ZB 3/2013 (c) OJO_Images/iStockphoto |
ZB 3-2013

Chronisch kranke Beschäftigte

Möglich machen, was geht

Chronische Erkrankungen der inneren Organe sind auf dem Vormarsch. Wie die Betroffenen im Arbeitsleben besser zurechtkommen und was das Integrationsamt für sie tun kann.

ZB 3-2013

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Chronisch kranke Beschäftigte

Möglich machen, was geht

Chronische Erkrankungen der inneren Organe sind auf dem Vormarsch. Wie die Betroffenen im Arbeitsleben besser zurechtkommen und was das Integrationsamt für sie tun kann.

Der ideale Mitarbeiter heute ist flexibel, belastbar und jederzeit einsetzbar. Diesem Wunschbild vieler Personalchefs können Menschen mit einer chronischen inneren Erkrankung kaum entsprechen. Aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, von Kollegen ausgegrenzt oder von den Vorgesetzten aufs Abstellgleis geschoben zu werden, verheimlichen viele Betroffene ihr Handicap, so lange es ihre Kräfte zulassen.

Die gesundheitlichen Probleme sind für Außenstehende meist nicht sichtbar. Wenn das Umfeld nicht Bescheid weiß, kann es zu Missverständnissen kommen: Die Kollegin strengt sich nicht genug an? Nimmt ziemlich oft frei? Schnell werden Vorwürfe und Kritik laut. Tatsächlich stecken vielleicht Nebenwirkungen von Medikamenten hinter der vermeintlichen „Faulheit“ und die Kurzurlaube sind in Wahrheit gut getarnte Krankenhausaufenthalte. Auch ohne dieses Versteckspiel ist die Bewältigung einer chronischen inneren Erkrankung Herausforderung genug.

Was es heißt, chronisch krank zu sein

Diagnosen, die besonders häufig in einer Schwerbehinderung enden, sind Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Atmungsorgane, der Nieren und des Verdauungstraktes, dazu kommen Diabetes mellitus und Krebs. Auf Heilung können die wenigsten Patienten hoffen. Im Gegenteil, oft nimmt die Erkrankung einen fortschreitenden Verlauf. Manchmal werden mit der Zeit auch andere Organe in Mitleidenschaft gezogen. Einige Erkrankungen wie Diabetes mellitus verlaufen zwar symptomarm, können aber jederzeit in bedrohliche Krisenzustände übergehen. Andere sind gekennzeichnet durch Krankheitsschübe, die jederzeit und unerwartet auftreten können und oft mit Schmerzen verbunden sind. Wer chronisch krank ist, steht in der Regel unter ständiger ärztlicher Kontrolle, braucht regelmäßig medizinisch-therapeutische Behandlungen und weiß, was eine „disziplinierte Lebensführung“ bedeutet.

Es ist typisch für chronische innere Erkrankungen, dass sich ihr Krankheitsverlauf so wenig vorhersagen lässt und die Auswirkungen von Mensch zu Mensch stark variieren. Nicht jeder Patient mit Multipler Sklerose beispielsweise kommt mit seiner Erkrankung so gut klar wie die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die scheinbar mühelos die Strapazen eines hohen politischen Amtes meistert.

Mehr ältere und chronisch kranke Beschäftigte

Mehr als jeder dritte Deutsche ist chronisch krank*. Der demografische Wandel wird die Zahl weiter steigen lassen, denn je älter wir werden, desto größer ist unser persönliches Erkrankungsrisiko. Es wird also zukünftig mehr ältere und mehr chronisch kranke Beschäftigte geben. Diese Entwicklung erfordert ein Umdenken in den Betrieben: Sie müssen lernen, sich auf chronisch kranke Mitarbeiter einzustellen. Die Fachleute des Integrationsamts – auch die Technischen Beratungsdienste – stehen ihnen dabei mit professioneller Beratung und tatkräftiger Unterstützung zur Seite.

Die Aufgabe, die zu lösen ist, hat drei Gesichtspunkte: Was muss getan werden, damit die Betroffenen ihr Leistungspotenzial ausschöpfen können? Wie gelingt es, ihre gesundheitliche Situation zu stabilisieren? Und wie lassen sich die betrieblichen Abläufe optimal gestalten? Ganz unterschiedliche Antworten finden die betroffenen Menschen und ihre Arbeitgeber unserer Praxisbeispiele: Sie haben möglich gemacht, was geht!

* Robert-Koch-Institut 2010: chronische Erkrankungen allgemein

Daten & Fakten

Wie viel? Chronische Erkrankungen der inneren Organe sind mit rund 25 Prozent der häufigste Grund für eine Schwerbehinderung. In Deutschland sind 1,8 Millionen Menschen betroffen.** Tendenz steigend.
Warum?
Eine bessere medizinische Behandlung ermöglicht heute den Patienten, länger und beschwerdefreier mit der Erkrankung zu leben. Eine wichtige Rolle spielt auch die „moderne“ Lebensweise, geprägt durch Bewegungsmangel, Übergewicht, hohem Alkoholkonsum und Rauchen: allesamt Risikofaktoren für Diabetes mellitus, verschiedene Krebsleiden und andere „Zivilisationskrankheiten“.

** Statistisches Bundesamt, 2011

 

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„Haben Sie den Mut, sich zu outen!“

Dr. Brigitte Ginda, © Frank Thomas Koch
Dr. Brigitte Ginda, © Frank Thomas Koch
Dr. med. Brigitte Ginda, leitende Ärztin beim Amt für Versorgung und Integration in Bremen sowie Mitglied des Ärztlichen Sachverständigenbeirates Versorgungsmedizin beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Wann wird aus einer chronischen Erkrankung eine Behinderung?

Dr. Brigitte Ginda
Unter einer chronischen Erkrankung versteht man eine Krankheit, die in der Regel nicht ausheilt. Man kann lediglich versuchen, die Beschwerden zu lindern und das Fortschreiten aufzuhalten. Wenn die Erkrankung länger als sechs Monate besteht und „die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt“, liegt nach dem Sozialgesetzbuch IX eine Behinderung vor.

Wie beurteilen Sie den Grad der Behinderung (GdB)?

Dr. Ginda
Die ärztlichen Gutachten basieren auf den Versorgungsmedizinischen Grundsätzen*. Neben Art und Ausprägung der Gesundheitsstörung werden auch der Therapieaufwand und die krankheitsbedingten Einschnitte in der Lebensführung berücksichtigt. Wichtig für Arbeitgeber: Der GdB wird grundsätzlich unabhängig vom ausgeübten Beruf beurteilt. Er sagt also noch nichts über die Leistungsfähigkeit eines behinderten Menschen am Arbeitsplatz aus!

Ist die Anerkennung immer befristet?

Dr. Ginda Die meisten chronischen inneren Erkrankungen werden als dauerhafte Gesundheitsstörungen anerkannt. Eine Nachprüfung, weil sich der Gesundheitszustand möglicherweise gebessert hat, ist eher selten. Eine Befristung, die so genannte "Heilungsbewährung“, erfolgt überwiegend bei Krebsleiden oder bei einzelnen Krankheitsbildern, bei denen der Erfolg einer therapeutischen Behandlung noch nicht abgeschätzt werden kann und wo die ungewisse Prognose zusätzlich bewertet wird.

Viele chronisch Kranke scheuen sich, ihre Behinderung zu offenbaren. Was empfehlen sie?

Dr. Ginda Es besteht zwar keine Pflicht, den Arbeitgeber zu informieren. Wer aber die Rechte und Hilfen für schwerbehinderte Menschen in Anspruch nehmen will, wird die vorhandenen Einschränkungen bei der Arbeit – nicht die Diagnose! – offenlegen müssen. Betroffene sollten die Vorteile eines Schwerbehindertenausweises bedenken, den oft dringend benötigten Zusatzurlaub, den besonderen Kündigungsschutz und die Leistungen des Integrationsamts!

*Anlage zu § 2 der Versorgungsmedizin-Verordnung (VersMedV)

 

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Chronisch kranke Beschäftigte

Praxisbeispiel 1:

Kirsten Drees, 48 Jahre, Herrenschneidermeisterin und Herrengewandmeisterin:

"Seit 18 Jahren entwerfe und schneidere ich Gewänder und Kostüme am Stadttheater in Münster. Außerdem leite ich die Schneiderwerkstatt. Voluminöse Kostüme zuschneiden und am Nähmaschinentisch bearbeiten, mal sitzend, mal stehend an der Schneiderpuppe hantieren – das ist eine kreative und auch körperlich anspruchsvolle Arbeit!"

Kirsten Drees erhielt 2010 die Diagnose Brustkrebs: Meine linke Brust wurde entfernt und wieder aufgebaut, eine Chemotherapie blieb mir erspart. Allerdings konnte ich nach der OP meinen linken Arm nicht mehr voll belasten und manche Bewegungen bereiteten mir Schwierigkeiten. Weil ich mehrere Monate arbeitsunfähig war, nahm die Schwerbehindertenvertretung der Stadt Münster mit mir Kontakt auf, um zu erfahren, ob es Probleme gibt. Und die gab es tatsächlich!

Als ich anfing wieder zu arbeiten – ich habe eine Teilzeitstelle mit 30 Stunden pro Woche – fiel mir das damals sehr schwer: Manche Bewegungen bei meiner vielseitigen Tätigkeit verursachten Schmerzen an Arm und Schulter. Mein Arzt befürchtete zudem, dass die Heilung der Wunde durch die Belastung stagniert. Die Schwerbehindertenbeauftragte gab mir den Tipp, das zuständige Integrationsamt einzuschalten. Denn die Fachleute dort kennen sich mit solchen Problemen aus. Der Technische Berater des LWL-Integrationsamts Westfalen schaute sich daraufhin meinen Arbeitsplatz in der Werkstatt und die Arbeitsabläufe genau an.

Seine Vorschläge für eine ergonomische Umgestaltung sind eine kolossale Hilfe für mich. Manches davon haben wir gemeinsam entwickelt, sozusagen maßgeschneidert für meine Arbeit. Zum Beispiel die elektrisch höhenverstellbare Schneiderbüste und den ergonomischen Stuhl mit Stützmöglichkeiten für Ellenbogen und Unterarme. Auch den Schneidertisch kann ich jetzt auf Knopfdruck hoch- und runterfahren. Durch die Zuschüsse des Integrationsamts hielten sich die Kosten für meinen Arbeitgeber in Grenzen.

KREBSERKRANKUNGEN

Krebs bezeichnet in der Medizin einen malignen Tumor – eine bösartige Gewebeneubildung. Die Ärzte unterscheiden zwischen so genannten soliden Tumoren, wie Karzinome der Haut oder der Brustdrüse, und malignen Systemerkrankungen, wozu Blutkrebs und Lymphdrüsenkrebs zählen. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts erkranken in Deutschland jährlich rund 223.000 Frauen und 247.000 Männer neu an Krebs. Bei Männern ist am häufigsten die Prostata betroffen, gefolgt von Darm und Lunge. Bei Frauen ist der Brustkrebs die häufigste Krebsart: Mehr als 70.000 Mal im Jahr stellen Ärzte die Diagnose „Mammakarzinom“, fast ein Viertel der Betroffenen stirbt daran. Das Erkrankungsrisiko steigt mit zunehmendem Alter, besonders ab dem 50. Lebensjahr.
(Quelle: Deutsche Krebsgesellschaft unter www.krebsgesellschaft.de)

 

Chronisch kranke Beschäftigte

Praxisbeispiel 2:

Georg Niessing, 47 Jahre, technischer Leiter:

"Als ich am Anfang meiner beruflichen Laufbahn häufiger mal Durchfall hatte, ahnte ich noch nicht, dass dies der schleichende Beginn einer chronisch entzündlichen Darm­erkrankung ist. Das ist jetzt über 25 Jahre her. Fast genau so lange arbeite ich bei der OBV Objektbau Bomers Gmbh im münsterländischen Vreden. Wir planen, fertigen und montieren Einrichtungen hauptsächlich für Läden, Arztpraxen und Hotels."

Georg Niessing leidet an Colitis ulceruosa: Der Name bedeutet so viel wie „entzündeter Dickdarm mit Gechwüren“. 1998 dann der gesundheitliche Tiefpunkt: ein halbes Jahr war ich arbeitsunfähig. Seither hat sich mein Gesundheitszustand stabilisiert. Das verdanke ich nicht nur Medikamenten, sondern auch der Entlastung durch einen Telearbeitsplatz. Die Idee dazu hatte der Technische Berater des LWL-Integrationsamts Westfalen, an den wir uns gewandt hatten. Meist arbeite ich zwei Tage in der Woche zu Hause. Dort kann ich jederzeit die Toilette aufsuchen und mich ausruhen, wenn ich Schmerzen habe. Außerdem fällt die lange Fahrt zur Arbeit weg. Ich nutze das Büro zu Hause verstärkt dann, wenn es mir schlechter geht, zum Beispiel bei einem neuen Schub.

Mein Arbeitgeber hatte nie ein Problem mit meiner Erkrankung. Sie war einfach kein Thema. Deshalb stand auch einer Beförderung zum Abteilungsleiter „Projektsteuerung“ nichts im Weg. Allerdings ist diese Position mit Kundenbesuchen und Auswärtsterminen verbunden ...

Unterwegs kann es schwierig sein, innerhalb einer Minute eine saubere Toilette zu finden. Schnell auf die Bremse treten und in den Büschen verschwinden ... das klingt vielleicht lächerlich, ist aber ziemlich belastend, außerdem unhygienisch und manchmal auch gefährlich, zum Beispiel wenn man sich gerade auf der Autobahn befindet. Dieses Problem gehört zum Glück der Vergangenheit an. Mit finanzieller Unterstützung des Integrationsamts hat meine Firma einen VW-Transporter angeschafft und umbauen lassen: Mein Dienstfahrzeug ist jetzt zusätzlich mit einem WC und einer Waschgelegenheit ausgestattet.

CHRONISCH-ENTZÜNDLICHE DARMERKRANKUNG

Der Oberbegriff „chronisch-entzündliche Darmerkrankung“ umfasst vor allem zwei Krankheitsbilder, deren Ursache noch unklar ist: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Im Gegensatz zum Morbus Crohn, der alle Bereiche des Verdauungstrakts befallen kann, ist die Colitis ulcerosa auf den Dickdarm begrenzt. Typische Beschwerden sind vor allem schwere Durchfälle, Bauchschmerzen, Fieber, Gewichtsverlust, Darmverengungen und Fisteln (entzündliche Gangbildungen). Bei vielen Patienten gibt es neben Phasen mit hoher Krankheitsaktivität (Schüben) lange Abschnitte relativer Gesundheit. Eine Heilung ist noch nicht möglich. In Deutschland leiden über 320.000 Menschen an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung.
(Quelle: Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung unter www.dccv.de)


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