| Bild: Titel ZB 4/2008 |
ZB 4-2008

Betriebliches Eingliederungsmanagement

Wie läuft es in der Praxis?

Das Betriebliche Eingliederungsmanagement hat in der Praxis erheblich an Bedeutung gewonnen. Dies bestätigt die erste bundesweite Studie zum Thema. Nun kommt es vor allem darauf an, kleine und mittlere Betriebe zu gewinnen und das Vertrauen der Mitarbeiter in das BEM zu stärken.

| Bild: Titel ZB 4/2008 |
ZB 4/2008

Betriebliches Eingliederungsmanagement

Wie läuft es in der Praxis?

Das Betriebliche Eingliederungsmanagement hat in der Praxis erheblich an Bedeutung gewonnen. Dies bestätigt die erste bundesweite Studie zum Thema. Nun kommt es vor allem darauf an, kleine und mittlere Betriebe zu gewinnen und das Vertrauen der Mitarbeiter in das BEM zu stärken. Was wollen die Integrationsämter dafür tun und was empfehlen sie für den Datenschutz?

Wie verläuft die Umsetzung des Betrieblichen Eingliederungsmanagements in den Betrieben und Dienststellen? Um diese Frage zu beantworten, hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Herbst 2006 die Universität Köln – Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation – mit einer wissenschaftlichen Studie beauftragt. Das einjährige Forschungsprojekt basiert auf einer bundesweiten schriftlichen Befragung – darunter auch in der Zeitschrift ZB – sowie auf Experteninterviews. Was hat die Studie ergeben und wie sind die Ergebnisse zu bewerten?

Verbreitung und Umsetzung
"Wir stehen mit dem BEM noch am Anfang"

Der Studie zufolge haben die Mehrheit der großen Unternehmen und mehr als die Hälfte der mittelgroßen Betriebe mittlerweile das BEM thematisiert. Bei kleinen Betrieben trifft dies nur auf 30 Prozent zu. In ungefähr jedem zweiten größeren Unternehmen und immerhin in jedem vierten Kleinbetrieb wird ein BEM durchgeführt.

Dabei informieren die meisten Betriebe ihre Schwerbehindertenvertretung frühzeitig (77 Prozent). Zugleich hat sie mehrheitlich mit der Einführung des BEM in den Betrieben zu tun. Dazu heißt es im Endbericht: „Die Schwerbehindertenvertretungen wirken maßgeblich an der Umsetzung des BEM mit und tragen entscheidend zu seiner Verbreitung bei.“

Methoden
"Information und Datenschutz sind Erfolgsfaktoren"

Zwei Drittel der Betriebe informieren ihre Belegschaft über das BEM, zum Beispiel durch Belegschaftsversammlungen, persönliche Anschreiben oder Aushang. Bemerkenswert ist, dass ein Fünftel der Betriebe und Dienststellen überhaupt nicht informiert, obwohl dies für die Akzeptanz des BEM eine herausragende Rolle spielt.

In knapp drei Viertel aller Betriebe werden erkrankte Beschäftigte auf der Grundlage der Sechs-Wochen-Frist angesprochen. Dabei erfolgt die Erstansprache in der Regel durch die Personalabteilung.

Nachholbedarf scheinen die Unternehmen in Sachen Aufklärung und Datenschutz zu haben: Jeder fünfte Betrieb weist nicht auf die Freiwilligkeit der Teilnahme an einem BEM hin. Und in knapp einem Drittel der Betriebe und Dienststellen werden die betroffenen Personen nicht über Art, Umfang und Verwendung der Daten informiert. Auch hat die Mehrzahl der Betriebe noch nicht geklärt, wo und wie die im Zusammenhang mit dem BEM erhobenen Daten aufbewahrt werden.

Für einen professionellen Umgang mit erkrankten und von Behinderung bedrohten Beschäftigten sind – gerade in mittelständischen und größeren Betrieben – eine gewisse Systematisierung und die Schaffung verbindlicher Strukturen und Abläufe sinnvoll. Dazu können die Einrichtung eines Integrationsteams sowie eine Integrations-, Betriebs- oder Dienstvereinbarung gehören. Die Befragung ergab, dass in der Praxis Ablaufpläne zum BEM und eine konkrete Ansprechperson die wichtigste Rolle spielen.

Externe Unterstützer
"Integrationsämter werden am häufigsten angesprochen"

Externe Unterstützung im Rahmen des BEM nimmt jeder zweite in die Untersuchung einbezogene Betrieb in Anspruch. Aus Sicht der Integrationsämter ist es erfreulich, dass ihr Angebot dabei besonders rege genutzt wird und sie von allen externen Partnern am häufigsten eingeschaltet werden. Nach den Krankenkassen an zweiter Stelle folgen dann bereits die von den Integrationsämtern beauftragten Integrationsfachdienste. Dazu konstatiert der Forschungsbericht: „Beim Angebot der Integrationsämter stehen Information und Beratung im Vordergrund. Das bestätigt deren Expertise und zeigt, dass die Integrationsämter das BEM offensiv begleiten und unterstützen.“

Akzeptanz bei Arbeitsnehmern
"Zwischen positiver Erwartung und Angst vor Kündigung"

Mehrheitlich besteht nach Einschätzung der Befragten bei den Betroffenen eine insgesamt eher neutrale bis positive Haltung zum BEM. Auf der anderen Seite schätzt etwa ein Viertel der Befragten die Bereitschaft zur Zustimmung sehr niedrig beziehungsweise eher niedrig ein. Negative Auswirkungen des BEM befürchten 29 Prozent: Dabei wird die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust oder vor einer Abschiebung in einen vorzeitigen Ruhestand am häufigsten genannt. Aber auch ungeklärte Fragen rund um den Datenschutz bereiten den Betroffenen Sorgen. Experten sehen im Datenschutz einen der größten Vorbehalte auf Arbeitnehmerseite.

Einstellung der Arbeitgeber
"Von einer betrieblichen Präventionskultur noch weit entfernt"

Im Betrieblichen Eingliederungsmanagement sind Prävention und Rehabilitation miteinander verbunden: Bestehende Arbeitsunfähigkeit soll überwunden, eine zukünftige Gefährdung vermieden und der Arbeitsplatz erhalten werden. Deshalb forderten die befragten Experten, das BEM nicht als ein isoliertes Instrument zur Integration von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen zu verstehen, sondern als Bestandteil einer betrieblichen Präventionskultur. Ihrer Einschätzung nach ist die Bereitschaft der Arbeitgeber, Rahmenbedingungen für ein BEM und für ein gesundes Altern durch Prävention zu schaffen, insgesamt noch gering ausgeprägt.

Auswirkungen des BEM
"Es ist zu früh für verlässliche Aussagen"

Die Maßnahmen des BEM zielen unter anderem auf eine Reduzierung der krankheitsbedingten Fehlzeiten. Dass dieser Effekt erreichbar ist, wird von 36 Prozent der Befragten bestätigt. Sie gaben außerdem an, dass in etwa der Hälfte der durchgeführten BEM-Fälle ein leistungsgerechter Einsatz erreicht werden konnte. 18 Prozent urteilten, dass sich die Einrichtung des BEM positiv durch den Rückgang krankheitsbedingter Kündigungen ausgewirkt habe. Viele der Antwortenden, die keine derartigen Effekte genannt haben, machten darauf aufmerksam, dass dies aufgrund der kurzen Laufzeit des BEM im Betrieb oder in der Dienststelle noch nicht möglich sei.

 

„Auch wenn es für eine endgültige Bewertung noch zu früh ist, so zeigen die Ergebnisse der Studie doch, dass sich das Instrument BEM auf einem guten Weg befindet. Jetzt kommt es darauf an, die durchaus verständlichen Sorgen der Beschäftigten ernst zu nehmen und Vorbehalte gegenüber dem BEM auszuräumen. Wie man das macht? Durch ein transparentes Verfahren, umfassende Aufklärung und Information sowie einen verlässlichen Datenschutz!“

> Prof. Dr. Dr. Mathilde Niehaus, Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation an der Universität zu Köln. In der BIH Online Akademie wirkt sie als Expertin für das BEM mit: http://akademie.integrationsamt.de

 

Mehr Informationen

Der komplette Endbericht des Forschungsprojektes steht im Internet als PDF-Dokument zur Verfügung: www.bmas.de > Publikationen

"Betriebe können voneinander lernen"
Interview mit Dr. Helga Seel, Leiterin des Integrationsamtes beim Landschaftsverband Rheinland in Köln und Mitglied im Vorstand der BIH

Gewusst wie: Datenschutz
Worauf sollten Betriebe beim Datenschutz achten?

ifdm 2008
Unter dem Motto „Gemeinsam Grenzen überwinden“
fand vom 22. bis 24. September 2008 in Berlin das 4. Internationale Forum Disability Management (ifdm) statt.

 

 

 

| Bild: Dr. Helga Seel |

ZB 4/2008

"Betriebe können voneinander lernen"

Welche Schlussfolgerungen ziehen die Integrationsämter aus der Studie zur Umsetzung des Betrieblichen Eingliederungsmanagements? Die ZB fragte Dr. Helga Seel, Leiterin des Integrationsamtes beim Landschaftsverband Rheinland in Köln und Mitglied im Vorstand der BIH.

ZB Wie beurteilen Sie die Ergebnisse der Studie zum BEM?

Dr. Helga Seel Es ist erfreulich, dass sich das BEM, da wo es eingesetzt wird, positiv entwickelt und Wirkung zeigt. Dass das Angebot der Integrationsämter von Betrieben rege in Anspruch genommen wird, bestärkt und motiviert uns, unsere Unterstützung weiterzuentwickeln. Hier macht sich sicher die seit Jahrzehnten intensive Arbeit der Integrationsämter vor Ort in den Betrieben bemerkbar – diese Praxisnähe wird für uns auch weiterhin ein wichtiger Standard sein.

ZB Wo sehen Sie zukünftig Handlungsbedarf?

Dr. Seel Gegen das BEM gibt es immer noch erhebliche Vorurteile und Einwände – gleichzeitig lassen sich die Vorteile, die ein gelungenes BEM für den Betrieb bringt, inzwischen durch gute Beispiele belegen. Dies muss offensiv kommuniziert werden. Weiteren Handlungsbedarf sehe ich in all den Fragen, die sich bei der Umsetzung aufgetan haben, etwa beim Datenschutz. Die ganz praktischen Fragen werden zum Beispiel in unseren Empfehlungen und Seminarkonzepten aufgearbeitet.

ZB Die Integrationsämter setzen auch das Internet ein ...

Dr. Seel Von Anfang an haben die Integrationsämter die Umsetzung des BEM als Prozess verstanden, für den es kein Patentrezept gibt. Deshalb bieten wir mit der BIH Online Akademie seit Oktober 2008 eine Plattform, auf der man sich zum einen über das BEM informieren kann, zum Beispiel über rechtliche Fragen. Zum anderen ermöglicht dieses interaktive Internetangebot aber auch, Erfahrungen mit anderen auszutauschen oder Fragen an Experten zu richten. Hier möchte ich ermuntern: Probieren Sie es auch!

ZB Wie wollen die Integrationsämter mehr Betriebe für das BEM gewinnen?

Dr. Seel Deutlich wird, dass es vorwiegend Großbetriebe sind, die das BEM umsetzen und über erste Erfolge berichten. Kleine und mittelständische Betriebe sind noch eher selten, wie die Studie gezeigt hat. Um auch diesen Betrieben den Nutzen des BEM näher zu bringen, müssen wir unsere Unterstützungsangebote noch stärker auf deren Rahmenbedingungen und Bedürfnisse ausrichten. Dabei halte ich es für wichtig, die Dinge, die sich in großen Betrieben bereits bewährt haben, aber auch für kleinere Betriebe nützlich sind, entsprechend aufzubereiten und anzubieten. Zum Beispiel: die gezielte Information an die Belegschaft über das BEM und dessen Einführung im Betrieb.

| Bild: Am Stand der BIH |

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ifdm 2008

Unter dem Motto „Gemeinsam Grenzen überwinden“ fand vom 22. bis 24. September 2008 in Berlin das 4. Internationale Forum Disability Management (ifdm) statt.

Über 120 Referentinnen und Referenten sowie mehr als 500 Teilnehmer aus aller Welt präsentierten und diskutierten die neuesten Erkenntnisse zum Thema Prävention und Wiedereingliederung in Arbeit und Beruf.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) war offizieller Partner der Veranstaltung. Sie war mit einem eigenen Stand und durch Dr. Helga Seel – Mitglied des Vorstandes der BIH – im Forum vertreten. Dr. Seel stellte die Aufgaben der Integrationsämter und die Chancen der Prävention vor. Insbesondere berichtete sie über die Erfahrungen der Integrationsämter mit dem BEM und ihre Ansatzpunkte, die Betriebe und Dienststellen bei der Einführung eines BEM zu unterstützen. Auf großes Interesse stießen hierbei die Vorstellung der BIH Online Akademie aber auch Fragen zur Vergabe von Prämien an Betriebe für gelungene BEM-Vereinbarungen.

Auf dem Stand der BIH konnte man mehr über die Arbeit der Integrationsämter erfahren und entsprechende Informationsmaterialien erhalten. Dort wurde auch die neue BIH Online Akademie zum BEM live gezeigt, die viele Besucher anzog. Insgesamt war das ifdm 2008 in Berlin eine gelungene Veranstaltung für die Integrationsämter, deren Präsentationen großen Zuspruch erhielten.

ZB 4/2008

Gewusst wie: Datenschutz

Ein sensibler Umgang mit persönlichen Daten stärkt das Vertrauen der Beschäftigten in das BEM und erhöht ihre Bereitschaft zur Mitwirkung. Worauf sollten Betriebe beim Datenschutz achten?

„Lieber Geld verlieren als Vertrauen“ – diese Aussage des Industriellen und Firmengründers Robert Bosch gilt auch für die Durchführung eines Betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM). Denn das BEM kann nur gelingen, wenn die Beschäftigten davon überzeugt sind, dass in einem fairen Verfahren alle Möglichkeiten zum Erhalt ihres Arbeitsplatzes ernsthaft geprüft werden – auch wenn im Ergebnis nicht in jedem Fall eine Kündigung ausgeschlossen werden kann.

Geschützt sind die Daten über Fehlzeiten und ihre Ursachen genauso wie Daten über den Gesundheitszustand einer Person und die Behandlung. Für Krankheitsursachen, Krankheits- und Behandlungsverlauf und den aktuellen Gesundheitszustand gilt ein besonders hohes Schutzniveau. Grundsätzlich sind die für das BEM benötigten Daten beim Betroffenen selbst einzuholen. Für die Erhebung von Daten bei Dritten ist die schriftliche Einwilligung des Betroffenen zwingend erforderlich.

Wie sieht eine Einwilligungserklärung aus?

Eine Einwilligungserklärung sollte mit großer Sorgfalt formuliert werden. Eine pauschale Einwilligung oder die schriftlich erklärte Bereitschaft zur Mitwirkung am BEM reicht nicht aus! Damit die Erklärung wirksam ist, muss der Betroffene vor der Datenerhebung umfassend informiert worden sein. Das heißt, er willigt konkret ein, von wem und bei welcher Stelle welche Daten erhoben werden dürfen. Werden später weitere Daten benötigt, ist erneut das Einverständnis des Beschäftigten einzuholen.

Auch die Weitergabe von Daten muss von einer Einwilligung gedeckt sein. Das gilt sogar innerhalb des betrieblichen Integrationsteams! Lediglich die Information, dass der Mitarbeiter innerhalb der letzten zwölf Monate sechs Wochen arbeitsunfähig war, darf der Arbeitgeber auch ohne Einverständnis der betroffenen Person an den Betriebs- oder Personalrat sowie an die Schwerbehindertenvertretung weitergeben.

Was geschieht nach dem BEM mit den Daten?

Rechtliche Vorschriften dazu, ob und wie lange die im Laufe des Verfahrens gewonnenen Unterlagen und Daten aufzubewahren sind, gibt es nicht. In die Personalakte gehören nur die Eckdaten des Verfahrens: die Erklärung darüber, dass ein Betriebliches Eingliederungsmanagement angeboten und durchgeführt oder dass es abgelehnt wurde, sowie die Dokumentation der umgesetzten Maßnahmen. Besonders geschützte Daten, wie Gutachten und Stellungnahmen der behandelnden Ärzte, der Reha-Träger oder des Sozialdienstes, gehören nicht in die Personalakte, allenfalls in die Akten des betriebsärztlichen Dienstes. Es kann aber auch vereinbart werden, dass diese Unterlagen dem Betroffenen nach Ablauf einer vereinbarten Zeit ausgehändigt oder dass sie vernichtet werden.


TIPPS


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