| Bild: Titel ZB 4-2010 |
ZB 4-2010

Autismus

Ein Thema für Betriebe?

Autisten erscheinen als sonderbare Wesen. Irgendwie rätselhaft und faszinierend zu gleich. Was genau verbirgt sich hinter Autismus? Und ist das ein Thema für Betriebe?

| Bild: Titel ZB 4-2010 |
ZB 4/2010

Autismus

Ein Thema für Betriebe?

Autisten erscheinen als sonderbare Wesen. Irgendwie rätselhaft und faszinierend zu gleich. Was genau verbirgt sich hinter Autismus? Und ist das ein Thema für Betriebe?

Sie fühle sich manchmal wie eine „Anthropologin auf dem Mars“ sagt die Autistin Temple Grandin. Für die  amerikanische Tierwissenschaftlerin verhalten sich ihre Mitmenschen wie Aliens von einem fremden Planeten.Wie eine Anthropologin muss Temple Grandin das Verhalten von Menschen studieren. Sie lernt die Regeln des sozialen Miteinanders auswendig wie Vokabeln, um sich in der nicht-autistischen Welt zurechtzufinden. Wer ihr oder anderen Autisten begegnet, bekommt jedoch bisweilen selbst das Gefühl, einem fremdartigen Wesen gegenüber zu stehen.

Den typischen Autisten gibt es nicht

Die Erscheinungsformen des autistischen Syndroms sind vielfältig: An einem Ende der Skala befinden sich Menschen, die vom frühkindlichen Autismus („Kanner-Syndrom“) betroffen sind. Sie haben oft eine schwere geistige Behinderung, können nicht sprechen und sind ihr Leben lang auf Unterstützung angewiesen. Am anderen Ende gibt es Menschen, die unter einer milden Form von Autismus leiden, dem so genannten Asperger-Syndrom. Sie sind nicht selten hochintelligent und wirken auf den ersten Blick nur ein wenig schüchtern oder kontaktscheu.

Sozialverhalten Einer der ersten Hinweise auf eine Form von Autismus ist der fehlende Blickkontakt. Schon autistische Säuglinge wenden sich ab, wenn man sie ansieht. Autisten neigen dazu, sich von ihrer Umwelt abzukapseln. Manche wirken auf unbestimmte Art seltsam und unnahbar. Es fällt ihnen schwer, sich in die Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen und deren Gedanken zu verstehen. Im Vergleich zu ihren gesunden Altersgenossen zeigen Kinder mit Autismus kaum Nachahmungsverhalten. Vielen Autisten fällt es schwer, auch ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu äußern.

Kommunikation Etwa die Hälfte der Menschen mit frühkindlichem Autismus erwirbt nie eine sinnvolle Sprache. Andere sind in ihrem Sprachgebrauch stark auf sich selbst bezogen und reden eher auf ihr Gegenüber ein, als mit ihm zu sprechen. Menschen mit Autismus sind meist nicht in der Lage, die Mimik und Gestik ihres Gegenübers zu deuten. In der sprachlichen Kommunikation haben sie Probleme mit dem „Lesen zwischen den Zeilen“. Oft nehmen sie Sprichwörter und Redewendungen wörtlich. Sie suchen beispielsweise mit der Hand nach dem Brett, das sie der Redewendung nach vor ihrem Kopf haben.

Rituale und Spezialinteressen Ein für Autismus typisches Symptom ist die ständige Wiederholung bestimmter Körperbewegungen, so genannte Stereotypen, sowie rituelle Verhaltensweisen. Ein Maurerlehrling beispielsweise „musste“ jeden Steinhaufen zuerst einmal umrunden, bevor er die Steine einsammeln konnte. Viele Autisten entwickeln Spezialinteressen und reifen darin zu wahren Experten heran. Manche lernen Fahrpläne bis ins Detail auswendig oder erweisen sich bereits im Vorschulalter als kleine Rechenkünstler. Autisten reagieren äußerst unwillig auf Veränderungen, schon das Verrücken eines Möbelstücks kann bei ihnen heftige Aufregung auslösen.

Erster Arbeitsmarkt: unrealistisch?

Können Menschen mit solchen Einschränkungen einer Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nachgehen? Lange Zeit herrschte die Meinung, dass dies nur in Ausnahmefällen möglich ist. Also nur auf eine vergleichsweise geringe Zahl von Menschen zutrifft, die an einer schwächeren Ausprägung von Autismus leiden. Und selbst da galt die Eingliederung aufgrund ihres konfliktträchtigen Sozialverhaltens als eher schwierig.

In den vergangenen Jahren fand jedoch eine bemerkenswerte Entwicklung statt. Zum einen wächst die Zahl der Menschen mit einer leichteren Form von Autismus, dem Asperger-Syndrom, aufgrund einer verbesserten Diagnostik stetig. Zum anderen profitieren die Betroffenen heute von einer frühen therapeutischen Begleitung und einer verbesserten schulischen Förderung. Damit haben sich die individuellen Voraussetzungen dieser Gruppe für eine Teilhabe am Arbeitsleben deutlich verbessert, so der Autismus-Experte Professor Dr. Matthias Dalferth von der Hochschule Regensburg. Er hat zusammen mit dem Berufsbildungswerk St. Franziskus im bayerischen Abensberg die berufliche Eingliederung von Menschen mit Autismus in den vergangenen Jahren eingehend untersucht. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse und Empfehlungen fur die Praxis finden zunehmend Verbreitung. Deutschlandweit werden derzeit rund 220 Menschen mit Autismus in Berufsbildungswerken ausgebildet.

Umdenken bei der Beschaftigung

Vor diesem Hintergrund findet seit einiger Zeit ein Umdenken statt, was die Ausbildungs- und Beschaftigungsfahigkeit von Menschen mit Autismus angeht. Schätzungsweise funf Prozent der Autisten sind bisher auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tatig. Fachleute wie Professor Dalferth meinen, es konnten weit mehr sein.

Und noch etwas hat sich verändert: "Die besonderen Fähigkeiten von Menschen mit Autismus rücken mehr in den Vordergrund", erklärt Anne Stracke vom Kolping-Bildungszentrum Südwestfalen, wo im Herbst 2009 das vom LWL-Integrationsamt Westfalen geforderte Pilotprojekt "Kompass" an den Start ging. Hier sollen autistische junge Menschen auf eine Beschäftigung in einem Betrieb vorbereitet werden.

Tatsachlich verfügen autistische Menschen über Eigenschaften, die sie für bestimmte Tätigkeiten prädestinieren. Sie zeigen beispielsweise eine überdurchschnittliche Beobachtungsgabe, eine ausgeprägte Merkfähigkeit auch für kleinste Details sowie oft großes Interesse an technischen Dingen. Ihnen liegen Aufgaben, die monoton sind, aber eine hohe Konzentration verlangen. Der dänische Unternehmer Thorkil Sonne, selbst Vater eines autistischen Kindes, macht sich diese Fähigkeiten zunutze. In seiner Firma Specialisterne in Kopenhagen beschaftigt er 40 ausgebildete Fachkräfte mit Autismus, die Software fur namhafte Kunden testen.

Individuelle Lösungen

Gleichwohl stellt die Ausbildung und Beschäftigung von Menschen mit autistischen Zugen für Betriebe eine ungewöhnliche Herausforderung dar. Hierbei brauchen sie vor allem Unterstützung durch kompetente Fachkräfte, etwa durch entsprechend qualifizierte Integrationsfachdienste. Sie können zum Beispiel die Einarbeitung durch einen Jobcoach organisieren, passende Unterweisungsstrategien vermitteln sowie Vorgesetzte und Kollegen über die Behinderung aufklären.


Zum Thema:

Info: Was ist Autismus?

Praxisbeispiel 1: Ganz anders als andere Menschen

Praxisbeispiel 2: "Wir sind Autodidakten"

 

ZB 4/2010

WAS IST AUTISMUS?

Autismus ist eine angeborene, tiefgreifende Entwicklungsstörung. Sie führt zu einer veränderten Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung im Gehirn. Die Symptome und ihre individuellen Ausprägungen sind vielfältig. Sie äußern sich vor allem im sozialen Umgang mit Mitmenschen, in der Kommunikation und in sich stets wiederholenden Handlungen.

Als typisches Behinderungsbild gilt der frühkindliche Autismus, das Kanner-Syndrom, mit 139.000 betroffenen Menschen in Deutschland. Rund 69.000 Personen leiden an einer leichteren Form des Autismus, dem Asperger-Syndrom.

Mehr Informationen unter www.autismus.de

| Bild: Christian Köhler am Computer / (c) privat |
ZB 4/2010

Ganz anders als andere Menschen

Christian Köhler hat Glück gehabt: kleine Firma, anspruchsvolle Arbeit, ein Job, der ihm Spaß macht. Der 33-Jährige aus Hattingen in Westfalen entwickelt Computerspiele. Dass er Autist ist, hat er erst spät erfahren.

„Als die Diagnose gesichert war, habe ich es irgendwann meinem Chef erzählt. Der hat es eigentlich ganz locker genommen und sagte, er hätte so etwas schon vermutet. Von daher war das eigentlich kein Problem“, sagt Christian Köhler. Doch vieles lief in seinem Leben bisher überhaupt nicht gut. Warum, wurde ihm erst klar, als er vor vier Jahren zu dem Kölner Psychotherapeuten Professor Dr. Kai Vogeley kam. Dieser leitet eine spezielle Autisten-Sprechstunde für Erwachsene: „Die Personen, die zu uns kommen, haben Schwierigkeiten mit ihrem Alltagsleben. Sie sagen: Ich weiß nicht was mit mir los ist, aber ich bin ganz anders als andere Menschen. Die  schauen sich zum Beispiel an, tauschen Blicke aus und wissen dann ganz viel voneinander. Ich weiß nicht, wie sie das machen.“

Frühe Auffälligkeiten

Christian Köhler hatte zwar in seiner Schulzeit vereinzelt Freunde, trotzdem fühlte er sich oft als Außenseiter. Immer wieder gab es Konflikte mit anderen. „Das machte mir schwer zu schaffen. Ich bin depressiv und ängstlich geworden“, sagt Christian Köhler. Dass etwas mit ihm nicht stimmte, zeigte sich schon früh. Als Saugling schrie er sehr viel und erlernte verzögert sprechen. Seine Mutter Lena Schumann erinnert sich: "Auf dem Kinderspielplatz konnte er es nicht ertragen, wenn er auf die Rutsche ging und ein anderes Kind dicht hinter ihm war. Dann drehte er sich um und schrie und wurde ganz wild. Die anderen Eltern beschwerten sich, er sei aggressiv und schlecht erzogen."

Späte Diagnose

Christian Köhler kam in einem Sonderkindergarten, konnte später aber auf eine "normale Grundschule" gehen. Er hatte gute Noten und wusste schon mit sieben Jahren, wie man ein Radio baut. Obwohl Christian Köhler sogar drei Jahre lang Schülersprecher war und ihm dies eine gewisse Anerkennung einbrachte, geriet er immer wieder auch durch auffälliges Verhalten in Schwierigkeiten. Nach dem Einser-Abitur begann Christian Köhler an der Technischen Hochschule in Aachen Informatik zu studieren. Doch mit dem in seinen Augen wenig strukturierten Studium kam er überhaupt nicht zurecht und brach es ab. Stattdessen machte er im IT-Bereich der Hochschule eine Ausbildung zum mathematisch-technischen Assistenten und schaffte auch den beruflichen Einstieg in einer Spiele-Firma.

Doch nach wie vor litt er unter seinem Anderssein. Erst mit der Diagnose "Autismus" im Jahr 2006 gelang es ihm, die Dinge einzuordnen. Geholfen hat ihm dabei auch Autismo, eine auf Autismus spezialisierte  psychologische Praxis in Bochum, wo er zweieinhalb Jahre lang eine Art "Hilfe zur Selbsthilfe" erhielt.

Sich selbst akzeptieren

Christian Köhler ist froh, dass er in einer kreativen Branche arbeitet, in der Menschen, die anders sind, nicht so schnell unangenehm auffallen. "Ich glaube, gewisse kleine Macken zu haben, ist da vielleicht sogar eher Berufsvoraussetzung als Hinderungsgrund." Seitdem er sein Anderssein angenommen hat, fühlt sich Christian Köhler viel besser. Er betreibt sogar einen eigenen Blog im Internet, wo er über seine persönlichen Erfahrungen berichtet. Auch der Sport bedeutet Christian Köhler, der in einem Speedskating-Verein aktiv ist, viel: "Er hat mich selbstbewusster gemacht und ermöglicht mir soziale Kontakte." Vor Kurzem nahm er am Köln-Marathon teil - als einer von vielen tausend begeisterten Skatern.

| Bild: Johann-Andreas Werhahn spricht mit einem Mitarbeiter / (c) Paul Esser |
ZB 4/2010

Interview

„Wir sind Autodidakten“

Die Georg Plange GmbH & Co. KG, ein  mittelständischer Mühlenbetrieb mit 165  Beschäftigten in Neuss und Duisburg-Homberg, bildet seit zwei Jahren eine junge Frau mit Autismus zur Industriekauffrau aus. Ein Gespräch mit dem Arbeitgeber Johann-Andreas Werhahn.

ZB Herr Werhahn, wie sind Sie und Ihre Geschäftsleitungskollegen dazu gekommen, eine junge Frau mit Autismus auszubilden?

Johann-Andreas Werhahn Das kam über private Verbindungen zwischen einer Mitarbeiterin und den Eltern zustande. Wir wussten gar nicht so genau, worauf wir uns einlassen, wollten es aber ausprobieren.

ZB Hat Sie denn niemand vorbereitet?

Werhahn Wir haben natürlich vorher mit den Eltern gesprochen und später auch mit den Lehrern. Aber wie wollen Sie sich auf Situationen vorbereiten, die nicht vorhersehbar sind? Die Ausbildung war ja eine völlig neue Erfahrung für die junge Frau. Wir sind tatsächlich so etwas wie Autodidakten im Umgang mit einem autistischen Menschen. Selbst nach zwei Jahren lernen wir immer noch dazu. Und es schadet uns nicht. Wichtig ist, dass wir alle im Unternehmen hinter dieser Entscheidung stehen.

ZB Das klingt, als ob Sie sich auf ein Experiment eingelassen haben! Worin besteht die Herausforderung?

Werhahn Man sieht der Auszubildenden ihre "Anderssein" nicht an. Vor Ihnen steht eine hübsche junge Frau, die einfach nur sehr schüchtern wirkt. Erst im weiteren Verlauf, zum Beispiel wenn man ihr etwas erklärt, wird deutlich, dass etwas "anders" ist. Denn sie kommuniziert nicht wie andere Menschen. Sie reagiert wenig mit Feedback auf ihr Gegenüber! Erst am Ergebnis ihrer Arbeit sieht man, ob sie die Anweisung richtig verstanden hat, was meistens der Fall ist. Dieses ungewohnte  Verhaltensmuster erfordert viel Geduld und Flexibilitat auf Seiten der Vorgesetzten.

ZB Durchläuft die junge Frau eine ganz "normale" Ausbildung?

Werhahn Ja, sie hat mit ihrem Realschulabschluss ja durchaus die Voraussetzungen dafür. Wahrend der Ausbildung besucht sie ganz normal die Berufsschule. Im Betrieb durchläuft sie die üblichen Abteilungen. Gerade ist sie im Einkauf tätig. Wir tasten uns an die einzelnen Aufgaben heran, um zu sehen, was geht. In der Schule kommen die Stärken und Schwächen deutlicher zum Ausdruck. Sie braucht noch mehr Zeit, um sich entwickeln und Defizite überwinden zu können.

ZB Trotzdem ist es keine Ausbildung wie jede andere...

Werhahn Das stimmt. Andererseits gibt es heutzutage viele junge Leute, die zwar nicht behindert sind, aber mehr oder weniger große, ganz andere Defizite im Verhalten oder bei Arbeitstugenden zeigen. Da mussen Sie als Ausbildungsbetrieb mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch viel Geduld und Mühe aufwenden. Sie leisten da ein großes Stück Erziehungsarbeit...

ZB Verlangen Sie da nicht ein bisschen viel von den Vorgesetzten, den Ausbildern?

Werhahn Wir unterschätzen das nicht. Gerade deshalb versuchen wir, den Menschen zu erklären, warum wir das - als Unternehmen - machen. Man muss sich doch nur mal in die Situation der Eltern versetzen, die sich um die Zukunft ihres Kindes sorgen. Und wenn wir mal ehrlich sind, jeder von uns hat doch schon so viel von der Gesellschaft erhalten; wir haben jetzt die Gelegenheit, etwas zurückzugeben und einen ganz praktischen, sichtbaren Beitrag fur das Allgemeinwohl zu leisten.


URL dieser Seite: http://www.integrationsaemter.de/druckversion/ZB-4-2010/305c3679i4p/index.html