| Bild: Kubilay Degirmenci mit Waren in der Hand vor einem Kühlregal, (c) Geza Aschoff/LVR |

Übergang Schule – Beruf

Hand in Hand

Der Schritt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt kann behinderten Schülern gelingen. Voraussetzung sind individuelle Unterstützung, engagierte Arbeitgeber und aufeinander abgestimmte und verzahnte Angebote.

ZB 4-2018

Übergang Schule – Beruf

Hand in Hand

Frühzeitige berufliche Orientierung unterstützt ganz wesentlich den erfolgreichen Übergang von Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen in Ausbildung und Beruf. Gut für die jungen Menschen und die potenziellen Arbeitgeber, wenn die Integrationsämter und die Bundesagentur für Arbeit ihre Angebote aufeinander abstimmen und verzahnen. Dies zeigen Praxisbeispiele und Erfahrungen von Fachleuten.

| Bild: Kubilay Degirmenci mit Waren in der Hand vor einem Kühlregal, (c) Geza Aschoff/LVR
Hoch motiviert, pünktlich und zuverlässig: Kubilay Degirmenci absolviert erfolgreich eine Ausbildung zum Fachpraktiker Verkauf, (c) Geza Aschoff/LVR
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Manchmal weiß man bereits nach kurzer Zeit: Das passt einfach." So ging es Patrick Engelbert, Geschäftsführer bei EDEKA Rosenzweig in Niederzier, als Kubilay Degirmenci, Schüler einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, letztes Jahr ein Praktikum bei ihm anfing. "Klar, am Anfang mussten wir in seine Anleitung mehr Zeit als üblich investieren, aber jetzt schmeißt er die Getränkeabteilung praktisch alleine und ist absolut pünktlich und zuverlässig. Wirklich beeindruckend, welche Entwicklung er gemacht hat."

Praktikum zum Kennenlernen Die Verantwortlichen haben es noch keinen Tag bereut, dass sie dem jungen Mann im letzten Jahr direkt nach einem dreiwöchigen Kennenlernpraktikum eine Ausbildung zum Fachpraktiker Verkauf ermöglicht haben. Und Kubilay griff hoch motiviert zu. Nach mehreren Praktika in unterschiedlichen Berufsfeldern stand für ihn schnell fest: Einzelhandel, das ist es! "Mir gefällt es, wenn ich Kunden berate und dafür sorge, dass sie zufrieden sind und wiederkommen", erklärt der zurückhaltende, fast ein wenig scheue junge Mann.

| Bild: Geschäftsführer Patrick Engelbert und IFD-Beraterin Jasmin Schneider im Gespräch an einem Tisch,
Wenn Geschäftsführer Patrick Engelbert Fragen hat, kann er sich jederzeit an IFD-Beraterin Jasmin Schneider wenden, (c) Geza Aschoff/LVR
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Fachpraktikerausbildung
Aber bis er seinen Ausbildungsvertrag bei EDEKA im letzten Jahr in der Tasche hatte, musste er Geduld und Durchhaltevermögen beweisen. Ein anderer Einzelhandelsbetrieb, der ihm bereits vorher eine Fachpraktikerausbildung in Aussicht gestellt hatte, zog sein Angebot nur zwei Monate vor Schulentlassung zurück. Eine herbe Enttäuschung für den jungen Mann. Jetzt musste sehr schnell etwas Neues gefunden werden. Und das klappte nur, weil Jasmin Schneider vom Integrationsfachdienst (IFD) in Düren den Kontakt zu EDEKA Rosenzweig herstellte. Sie kannte Kubilay bereits aus der schulischen Berufsorientierungsphase, vermittelte das Kennenlernpraktikum und führte den zukünftigen Arbeitgeber durch die Antragstellung für die Förderleistungen der Agentur für Arbeit und des LVR-Inklusionsamtes. "Nur weil alle Beteiligten – Kubilay selbst, seine Lehrkräfte, die Agentur für Arbeit, das Inklusionsamt, sein künftiger Arbeitgeber und wir – Hand in Hand gearbeitet haben, konnte er bereits in seiner letzten Schulwoche seinen Ausbildungsvertrag zum Fachpraktiker Verkauf bei EDEKA Rosenzweig unterzeichnen", erklärt die IFD-Beraterin. "Das ist ein wirklich gutes Beispiel dafür, wie maßgeblich eine kooperative Zusammenarbeit zwischen den unterstützenden Institutionen ist, um eine erfolgreiche Inklusion auf den ersten Arbeitsmarkt überhaupt möglich zu machen", ergänzt Frauke Borchers vom LVR-Inklusionsamt in Köln.*

* In Nordrhein-Westfalen und Bayern wurden die Integrationsämter umbenannt in Inklusionsämter. Diese nehmen weiterhin die Aufgaben der Integrationsämter wahr.

 

Aus der Praxis

Bereicherung fürs Team

Von der Schule auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Was so selbstverständlich klingt, ist für behinderte junge Menschen mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ganz und gar nicht einfach. Aber es gibt immer wieder Beispiele, die zeigen, dass es klappen kann.

| Bild: Max Burschewski reicht eine Schale mit Cremespeise, (c) Jan Roehl
Gerade für behinderte junge Menschen wie Max Burschewski sind Praktika extrem wichtig, um in die Arbeitswelt hineinzuschnuppern und potenzielle Arbeitgeber von den eigenen Fähigkeiten zu überzeugen, (c) Jan Roehl
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Er schnippelt Obst und Gemüse, belegt unter Anleitung Käse- und Wurstplatten, hilft die Tische abzuräumen, wäscht ab und macht sich überall dort in der kleinen Küche und dem Essensraum nützlich, wo es etwas zu tun gibt. Max Burschewski ist glücklich bei dem, was er tut, und das sieht man. Er strahlt übers ganze Gesicht und präsentiert stolz seinen Arbeitsplatz in der Kindernachsorgeklinik Berlin-Brandenburg gGmbH. "Menschen wie Max sind eine Bereicherung für das Team, aber auch für unsere kleinen Herz- und Krebspatienten und deren Eltern. Seine liebenswerte Art überträgt sich auf alle, die mit ihm zu tun haben. Er ist ein echter Sonnenschein", urteilt seine Teamleiterin Katrin Hoppe-Liesegang.

Frühe Berufsorientierung wichtig Max, der heute 20 Jahre alt ist, besuchte eine Förderschule mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Dort nahm er am vertieften Berufsorientierungsverfahren teil und lernte 2012 die IFD-Fachberaterin Nicole Zollmann vom Integrationsfachdienst in Eberswalde kennen. Sie führte über drei Jahre lang eine prozessorientierte Kompetenzanalyse durch und konnte Max auf Basis seiner Leistungen und Neigungen optimal beraten. "Max wollte von Anfang an in die Richtung Hauswirtschaft, Küche und Service", erklärt Nicole Zollmann. Da sie bereits wegen eines anderen Klienten Kontakt zur Kindernachsorgeklinik Berlin-Brandenburg hatte, vermittelte sie dem jungen Mann dort einen Praktikumsplatz. Gerade für behinderte junge Menschen, die erst herausfinden müssen, ob sie den Anforderungen der Arbeitswelt gewachsen sind, erweisen sich Betriebspraktika als unverzichtbar und nicht selten münden sie in eine Ausbildung oder gleich in eine unbefristete Anstellung. Und genau so war es bei Max. Der machte seine Sache nämlich so gut, dass die Küchenleitung nach einer weiteren Erprobung im Rahmen einer Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme bereit war, ihn fest zu beschäftigen.

| Bild: Katrin Hoppe-Liesegang mit Max Burschewski, der Cremespeise in eine Schüssel füllt, (c) Jan Roehl
Teamleiterin Katrin Hoppe-Liesegang: Max erledigt seine Aufgaben äußerst zuverlässig, (c) Jan Roehl
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Arbeitsplatz auf Max zugeschnitten
Um ihn produktiv im Arbeitsprozess einsetzen zu können, wurde der Arbeitsplatz analysiert. Daraufhin wurden extra für Max leichte und einfache Tätigkeiten wie Abtrocknen und Wegräumen von Geschirr, Mülltrennung, Reinigungsarbeiten und Resteverwertung gebündelt. "Natürlich ist nicht immer alles perfekt. Max hat aufgrund seiner Behinderung ein schlechtes Gedächtnis und muss immer wieder aufs Neue angeleitet werden. Aber trotzdem erledigt er seine Aufgaben pünktlich und zuverlässig", so Katrin Hoppe-Liesegang.

Sandra Bandholz, Geschäftsführerin der Kindernachsorgeklinik, möchte andere Arbeitgeber ermutigen, jungen Menschen mit Behinderungen eine Chance zu geben. "Die Unterstützung seitens des Integrationsfachdienstes, des Integrationsamtes beim Landesamt für Soziales und Versorgung des Landes Brandenburg und der Bundesagentur für Arbeit war und ist wirklich sehr hilfreich."

 

WEITERE INFORMATIONEN

Starthilfe in die Ausbildung

Junge Menschen, die nicht mehr schulpflichtig sind und noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, können sich in einer Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme (BvB) der Agentur für Arbeit auf eine Ausbildung vorbereiten. Sie haben nicht nur Unterricht, sondern können mithilfe mehrerer Betriebspraktika in unterschiedliche Berufe hineinschnuppern. Arbeitgeber lernen auf diesem Weg künftige Auszubildende und deren Leistungsfähigkeit in der betrieblichen Praxis kennen. Die Maßnahme dauert in der Regel ein Jahr.

Mehr unter: www.arbeitsagentur.de/bildung/ausbildung/berufsvorbereitende-bildungsmassnahme

ZB 4-2018

Interview

"Wir lassen die Arbeitgeber nicht alleine"

Der Übergang von der Schule auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist für junge Menschen mit einer Behinderung schwierig. Fragen dazu an Karl-Friedrich Ernst, Leiter des Integrationsamtes beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) Baden-Württemberg.

| Bild: Porträt von Karl-Friedrich Ernst, (c) Uli Deck
(c) Uli Deck
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Herr Ernst, was kann getan werden, damit junge Menschen mit Behinderungen, deren Weg nach der Schule oft in eine Werkstatt für behinderte Menschen führt, eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt finden?

Karl-Friedrich Ernst Die Unterstützung muss so früh wie möglich beginnen, also nicht erst nach der Schulentlassung. In Baden-Württemberg wird schon in den letzten Schuljahren im Rahmen von Berufswegekonferenzen festgestellt, welche Potenziale die Schüler für den allgemeinen Arbeitsmarkt haben. Die Lehrinhalte bereiten auf den Arbeitsmarkt vor und es finden erste Praktika statt. Deshalb beauftragen wir bereits in dieser Phase die Integrationsfachdienste (IFD). Die Konzepte in den Bundesländern sind aber unterschiedlich. Bei uns schließt sich eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme an, die die Agenturen für Arbeit fördern.

In Ihrem Bundesland, Baden-Württemberg, wurden in den letzten zwölf Jahren über 4.400 Vermittlungen für diese Zielgruppe auf den allgemeinen Arbeitsmarkt erreicht, ein in Deutschland weit überdurchschnittliches Ergebnis. Was war der wichtigste Erfolgsfaktor?

Ernst Der Prozess ist komplex und es gibt viele Beteiligte: die Schulen, die Bundesagentur für Arbeit, die Träger der Eingliederungshilfe, die Werkstätten für behinderte Menschen, für die Sache offene Arbeitgeber und natürlich die Schüler und ihre Eltern. Wenn hier das Zusammenspiel nicht klappt, taugt die ganze Konzeption nichts. Und genau diese Zusammenarbeit funktioniert bei uns. Die Integrationsfachdienste sind durchgängig dabei, von der Schule bis zur Sicherung des Erreichten. In Baden-Württemberg gehen entgegen dem Bundestrend die Werkstattaufnahmen zurück. Selbstverständlich brauchen wir die Werkstätten aber weiter, wir müssen realistisch bleiben.

In welchen Branchen und mit welcher Nachhaltigkeit gelingt der Übergang?

Ernst Man hört ja immer wieder den Satz, in unserer hoch spezialisierten Arbeitswelt seien die einfachen "Nischen"-Arbeitsplätze weggefallen. Das stimmt aber nicht. Es finden sich immer Möglichkeiten: zum Beispiel in der Gastronomie, im Garten- und Landschaftsbau, in Bauhöfen von Kommunen und in Pflegeeinrichtungen. Rund 84 Prozent der erreichten Arbeitsverhältnisse sind über Jahre beständig.

Welche Rolle spielen dabei finanzielle Leistungen der Integrationsämter und der Bundesagentur für Arbeit?

Ernst Sicher eine wichtige, aber nicht die entscheidende. Ich halte die Zusammenarbeit für wichtiger, auch die Dienstleistung für die Arbeitgeber, die wir mit einem zustande gekommenen Arbeitsverhältnis nicht alleinlassen. Die jungen Menschen legen ihre Behinderung mit der Vermittlung eines Arbeitsplatzes ja nicht einfach ab. Da muss oft nachgesteuert werden und der Integrationsfachdienst steht als "Kümmerer" weiter bereit.

 

Interview

Berufsorientierung muss früh beginnen

Die Integration von jungen Menschen mit Behinderungen in den allgemeinen Arbeitsmarkt steht für Dr. Petra Wendland, Rehaberaterin bei der Agentur für Arbeit in Eberswalde, an erster Stelle. Im Gespräch erklärt sie, wie das gelingen kann.

| Bild: Porträt von Dr. Petra Wendland Foto, (c) Jan Roehl
(c) Jan Roehl
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Die Beschäftigung in Werkstätten für behinderte Menschen ist für die öffentliche Hand sehr teuer, separiert die Betroffenen und macht sie abhängig von Leistungen des Staates. Wie agiert die Bundesagentur für Arbeit?

Petra Wendland Indem wir alles tun, um den behinderten Menschen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung beziehungsweise Ausbildung zu ermöglichen. Beispielsweise durch eine sehr früh einsetzende intensive Phase der inklusiven Berufsorientierung, die in der Regel drei Jahre vor dem Schulabschluss beginnt. Im Fokus stehen dabei folgende zentrale Fragen: Was sind die Stärken, die Interessen und die Wünsche des betroffenen jungen Menschen? Um das herauszufinden und entsprechende Weichen für eine spätere Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu stellen, sind Berufswegekonferenzen unter Beteiligung der Lehrkräfte, der Eltern, des Integrationsfachdienstes und der Beratungsfachkraft der Agentur für Arbeit sowie das individuelle Beratungsgespräch von besonderer Bedeutung.

Ebenso wie Praktika, oder?

Wendland Absolut. Durch eine intensive Zusammenarbeit mit den Kammern und Betrieben besteht die Möglichkeit, kürzere oder längere Betriebspraktika zu realisieren. Diese sind sehr wichtig, um in die Arbeitswelt hineinzuschnuppern und die eigenen Stärken, Schwächen und beruflichen Neigungen zu erkennen. Viele junge Menschen mit Behinderungen knüpfen gerade durch diese Praktika Kontakte zu potenziellen späteren Arbeitgebern.

Und nur – dies möchte ich wirklich betonen – wenn es nach einer intensiven Phase der Eignungsabklärung wirklich keine Möglichkeit gibt, den behinderten Menschen in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln, wird er in eine Werkstatt für behinderte Menschen eingegliedert. Das ist aber immer die letzte aller möglichen Optionen.

Die Zusammenarbeit der Agenturen für Arbeit und der Integrationsämter ist im Sozialgesetzbuch IX ausdrücklich geregelt. Wie funktioniert sie in der Praxis?

Wendland Gut. So werden zum Beispiel beim Übergang Schule – Beruf auf der Grundlage einer Kooperationsvereinbarung zur Berufsorientierung die Integrationsfachdienste von den Integrationsämtern beauftragt, wodurch eine enge Zusammenarbeit gesichert ist. Darüber hinaus informieren wir natürlich unsere Kunden, dass sie sich immer auch an den Integrationsfachdienst wenden können.


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